Ettingen war dicht zu ihr herangetreten und sah ihr über die Schulter auf die kleine Leinwand, die einen Teil der Felsplatte mit den sprudelnden Quellen in fast vollendeter Arbeit zeigte; es war kein Bild, das hier entstehen sollte — nur ein Versuch, das Lichtgefunkel des über die rauhen Felsformen rinnenden Wassers festzuhalten. Und dieser Versuch war ihr gelungen. Wie diese Farben leuchteten! Wie sie zu zittern und zu rinnen schienen! Ettingen staunte über die Kraft des Lichtes und über die Wahrheit in dieser verblüffenden Wiedergabe der Natur. Wie hatte dieses Mädchen ihm sagen dürfen, daß sie keine Künstlerin wäre? Hatte sie das aus übertriebener Bescheidenheit getan? Das sah ihr nicht ähnlich. Also legte sie einen überstrengen Maßstab an sich selbst, während sie von anderen Menschen so nachsichtig dachte? Oder kannte sie ihr eigenes Talent nicht? Sollte ihr Vater dafür kein Auge gehabt, ihr das nie mit einem Worte gesagt haben? Denn sie war doch seine Schülerin? Bei diesem Gedanken fiel ihm auf, daß ihre Art zu malen auch nicht die leiseste Ähnlichkeit mit der Art des Vaters hatte. Da war nichts Absonderliches und Befremdendes, keine erträumte Farbe, keine fabulierte Linie. Was die kleine Leinwand zeigte, war nichts anderes als eine treue Wiederholung der Natur.
Plötzlich, als hätte sie seinen Atem gehört oder seine Nähe empfunden, blickte sie auf. Leichte Röte huschte ihr über die Wangen, und sie erhob sich. »Herr Fürst —«
Er grüßte und sah ihr in die Augen, noch ganz unter dem Eindruck, den er aus ihrem Hause mit fortgetragen hatte und der ihm von der Erzählung des Försters zurückgeblieben war. »Sehen Sie, Fräulein, damals am Sebensee, das war nicht umsonst gesagt: auf Wiedersehn!«
Sie hatte nach der ersten leichten Verwirrung ihre ruhige Sicherheit wiedergefunden und reichte ihm die Hand. »Ja! Und heute weiß ich auch, wer Sie sind. Ich hab es noch an jenem Morgen erfahren, von einem Ihrer Jäger. Und dann war's mir leid, daß ich Ihren Namen überhörte. Hätt ich damals am Sebensee gewußt, wer Sie sind, dann hätt ich die gute Gelegenheit gleich benutzt und hätte eine Bitte ausgesprochen, mit der ich ohnehin zu Ihnen kommen mußte.«
»Zu mir? Mit einer Bitte? Die ist bewilligt, liebes Fräulein, bevor ich sie kenne.«
»Sie ist auch nicht unbescheiden. Es handelt sich um unser Häuschen draußen am See. Papa hätte, bevor er damals vor acht Jahren baute, den Grund gerne gekauft. Aber das ging nicht. Der Grund ist ärarischer Boden. Papa mußte zufrieden sein, daß er wenigstens die Erlaubnis bekam, zu bauen, auf Widerruf und unter der Bedingung, daß der Jagdpächter seine Erlaubnis gäbe.«
»Und diese Erlaubnis meines Vorgängers soll ich wiederholen?«
»Ja, ich bitte darum.«
Ettingen hielt noch immer ihre Hand in der seinen. »Schade, daß ich mein Plazet nicht mit irgendeiner besonderen Feierlichkeit erteilen kann! Solange ich Pächter der Jagd bin, und ich hoffe, das noch lange zu bleiben, sollen Sie ungestört bei Ihren Blumen wohnen.« Seine Stimme und seine Augen wurden ernst. »Und bei Ihren Erinnerungen!«
»Ich danke Ihnen.«