Der Jäger kam aus der Sennstube, hemdärmelig, hinter dem Rücken das Gewehr, auf dem Arm das schlafende Kind, über das er die Joppe gedeckt hatte. Mit dem Fuß stieß er Blasis Büchse beiseite, die auf den Stufen lag. „Sooo? Hat er schon flinke Füß gmacht? Freilich, Kurasch muß der Mensch haben. In Gotts Namen – und ’s Büberl trag ich wieder abi – es kunnt sich ebbes zuziehen da heroben.“ Als er an Modei vorüberging, sagte er bitter: „Heut bin ich a bißl unglegen kommen, gelt? Von morgen an hast dei’ Ruh vor mir. Pfüe Gott!“

„Aber Mensch!“ kreischte Lenzl. „Sunst fallt dir gar nix ein?“

Na!“ Der Jäger ging hinüber zum Steig.

„Friedl!“ schrie Modei mit erwürgtem Laut, rannte ihm wie eine Irrsinnige nach und umklammerte seinen Arm. „Laß dir doch sagen – Jesus, Maria –“

In Zorn befreite er sich von ihren Händen und wurde wieder ruhig. „Ja ja, is schon gut! Um ’s Kindl brauchst dich net sorgen. Dös is gut aufghoben bei meiner Mutter.“ Er räusperte sich, als wäre ihm was in die Kehle geraten, und ging mit jagendem Schritt davon.

Modei wollte schreien und hatte keinen Laut mehr. Sie wollte dem Jäger nachlaufen, taumelte mit zitternden Knien und strauchelte. Lenzl kam von der Hüttentür gesprungen, half der Schwester vom Boden auf und führte sie. Als sie auf die Stufen hinfiel und in Schluchzen ausbrach, sagte er: „No also! Jetzt tröpfelt ’s Wasser. Der Himmel is blau – und doch is a Wetter da!“ Sich aufrichtend, strich er langsam mit der Hand über seine Stirn. „Und was mit mir sein muß? Als wär mir ebbes aussigfallen aus’m Hirnkastl! Wie mich der Blasi drosselt hat – in der Stuben drin – da hab ich allweil a Fuier gsehen. A großmächtiges Fuier!“ Er machte eine wunderlich wilde Bewegung – wie einer, der ansetzt zu einem lebensgefährlichen Sprung. Dann löste sich plötzlich alle Spannung seines Körpers, und er hatte die Augen eines ruhig Erwachenden. „He? Schwester? Was is denn?“ Er rüttelte sie an der Schulter. „’s Wasser tröpfeln lassen? Und sunst kannst gar nix?“ Ein leises Lachen. „Hättst ihn halt net gehn lassen! Aber no, es wird schon so sein müssen, daß eim die besten Einfäll erst kommen, wann ’s Glöckl schon gschlagen hat.“ Er wandte das Gesicht zum Steig hinüber, und etwas Scheues, Feierliches war im Klang seiner Stimme. „Schwester! Jetzt weiß ich, was für an Menschen ’s Allerschwerste is.“

Sie klagte: „’s Elend tragen müssen, dös man verschuldt hat?“

„Na, Schwester! ’s Allerschwerste für an Menschen is: verstehn, was gut sein heißt.“

Während sie langsam das Gesicht hob, ging er hinüber zum Steig und blickte hinunter in die Waldtiefe. Der Jäger war nimmer zu sehen; nur den Klapperschlag seiner Schuhe auf dem steinigen Bergweg hörte man noch. Lenzl lachte ein bißchen. „Von der Sonn weiß ich’s gwiß: morgen kommt s’ wieder.“ Über die Schulter sah er zur Schwester hinüber. „Und der Mensch, sooft’s ihn abdruckt in d’ Nacht, der ruckt sich allweil wieder auffi. Drum muß er ebbes haben in ihm, was mit der Sonn a Verwandtschaft hat.“ Wieder spähte er hinunter in die schattige Tiefe. Dann schrie er einen klingenden Jauchzer in den Abend hinaus, dessen Himmel zu leuchten begann.

Diesen frohen Schrei hätte Friedl noch hören müssen, wenn seine Ohren nicht so taub gewesen wären, wie seine Augen blind. Er hetzte mit solcher Hast über den steilen Waldweg hinunter, daß er oft dem drohenden Sturz nur entging durch einen noch flinkeren Sprung. Nie des Weges achtend, immer mit dem Blick im Leeren, drückte er mit den Armen das wach gewordene, verschüchterte Kind an sich, als müßte er dieses kleine, hilflose Leben mit Gewalt hineinpressen in seine zuckende Seele. Unter seiner Stirne war ein Wirbel von Gedanken – keinen konnte er fassen und halten; an seinen Schläfen hämmerte das Blut; und die Streifwunde auf seiner Wange fing zu brennen und zu schmerzen an.