Als er zu einer Quelle kam, hielt er das Kind auf dem rechten Arm, tauchte mit der linken Hand sein Taschentuch in das Wasser und preßte es auf die Wunde. Das tat ihm wohl. Die Kälte des nassen Tuches beruhigte ein wenig das tobende Blut. Aber je freier sein Kopf wurde, um so dumpfer fühlte er eine lähmende Müdigkeit in allen Gliedern. Und immer schwerer wurde die Last des Kindes auf seinem Arm.

Immer wieder blieb er stehen und lehnte sich zu kurzer Rast an einen Baum. Er fand keine Ruh, es trieb ihn heim. Kalte Schauer liefen ihm über den Rücken. Und es war doch die Sonne, nachdem sie schon gesunken, in einer Bergscharte wieder herausgetaucht und goß ihre warmen Strahlen auf ihn nieder durch das Gewebe der Äste!

Als könnte er diesen roten Glanz nicht ertragen, so schloß er immer wieder die Augen. Er tat es nur, um das Bild zu verjagen, das ihn quälte und nicht weichen wollte – das Bild des Mädels, dem die Angst aus den entstellten Zügen redete, die Angst um den Vater ihres Kindes, der sie verraten hatte – und dem zuliebe sie jenen verriet, dessen Herz ihr gehörte mit jedem Blutstropfen!

Dann wieder war ihm, als hätte er nur einen wüsten Traum, aus dem er plötzlich erwachen müßte, um die liebe Wirklichkeit und das lachende Gesicht seines Glückes zu schauen. Aber die harten Steine auf seinem Weg, die schreiende Qual in seinem Herzen, die brennende Wunde auf seiner Wange, das Kind auf seinen Armen – alles mahnte ihn: das ist Wahrheit! Und dennoch konnte er diese Wahrheit nicht fassen, nicht begreifen. Er wußte nur, was er getan. Warum er so getan, und wem zu Nutz und Liebe – auf diese Frage fand er keine Antwort. Was mußte ihm nur da droben durch den Kopf gefahren sein, daß er, im Augenblick der Entscheidung, seiner geschworenen Rache vergessen konnte, seines Jägerblutes und seiner Dienstpflicht, die ihm gebot, den Wilddieb zu fassen und vor den Richter zu liefern!

Die Hälfte des Weges hatte Friedl schon zurückgelegt, und in der Tiefe sah er schon die dunklen Felsklüfte der Dürrach. Da hörte er hinter sich die leichten Sprünge eines Tieres. Er brauchte sich nicht umzuschauen, um zu wissen, daß es sein Hund war, der wohl droben im Bergwald die von Blasi erlegte Gemse aufgespürt und nach langem Harren und Tot verbellen die Fährte seines Herrn gesucht hatte.

Friedl brachte es nicht über sich, dem Hund einen Blick zu gönnen. Bürschl trug die meiste Schuld, daß alles so gekommen war. Im ersten Groll, den Friedl gegen das Tier empfand, hätte er am liebsten die Büchse von der Schulter gerissen und dem Hund eine Kugel durch den Kopf gejagt! Doch er trug das Kind auf den Armen – und dann wieder schalt er sich selbst um dieser Regung willen. Er hätte voraus bedenken müssen, daß der Laut des Hundes ihm gefährlich werden konnte. Und war es denn nicht gerade die Treue des Tieres gewesen, die es bellend aufspringen machte gegen den Feind seines Herrn?

Auch Bürschl schien mit der Zurücksetzung, die er erfahren mußte, nicht einverstanden. Winselnd stieß er immer wieder seine Schnauze an die Wade des Jägers.

„Hörst net auf!“ So hatte Friedl schon ein paarmal hinuntergescholten zu dem Hund, dessen Zudringlichkeit ihn beim Gehen hinderte. Bürschl wollte nicht Ruhe geben. Unweit der Dürrachbrücke, wo rechts vom Pfad die Felsen sich niedersenken zur Tiefe des Bergwassers, während sie zur Linken steil emporsteigen, ließ Friedl sich endlich erweichen, beugte sich zu dem Hund hinunter, tätschelte ihm die fiebernden Flanken und hieß ihn durch eine Geste vorausspringen auf dem schmalen Weg.

Als der Jäger sich aufrichtete, hörte er über der Felswand ein Knistern und Rascheln. Er blickte hinauf und sah einen großen Felsblock sich neigen, von dessen Rand zwei Hände sich lösten und verschwanden. Mit lautem Schrei wich Friedl einen Schritt zurück und deckte noch schützend seinen Arm über den Kopf des Kindes. Dann krachte und prasselte es nieder über die Steinecken der Wand, vor seinen Augen vorüber auf den Steig, den zerschmetterten Hund mit hinunterreißend in die Dürrachschlucht.

Auf Kopf und Arme waren dem Jäger die Steinsplitter geflogen, und ein schwerer Felsbrocken hatte seinen Fuß getroffen.