Durch junge Pflanzungen zog der schmale Weg, näherte sich der zur Isar hinabrauschenden Dürrach und führte über den langgezogenen Rammsteg, an dem zur Zeit des Tauwassers und der Regengüsse das vom Berge niedergeflößte Scheitholz aufgefangen wird. Enge und hohe Stufen leiten von hier aus hinauf über die Höhe, die zur linken Seite der Dürrach steil emporsteigt; droben führt ein bequemes Sträßchen bergan, immer die vielzerrissene Schlucht begleitend, in deren dunkler Tiefe das Bergwasser rauscht.
„Gelt, Friedl, der große, saubere Bursch, der vorhin drunten im Wirtshaus war, das ist der Blasi?“
Friedl nickte.
„Was ist denn das mit dem Blasi eigentlich?“
„A Lump is er, a gottvergessener! A Lump, der mir alles gstohlen hat, was –“ Mitten im Worte brach Friedl ab, und als Benno zu ihm aufsah, flog eine dunkle Röte über das Gesicht des Jägers, der die gesprochenen Worte zu bereuen schien. Benno merkte, daß er mit jenem Namen eine wunde Stelle im Herzen des Jägers berührt hatte, und schwieg, so gern er auch weiter gefragt hätte. Wortlos schritten die beiden eine Weile nebeneinander her. Dann sagte Friedl: „A Wildschütz is er, der Blasi! Oder is wenigstens einer gwesen, bis ihn ’s End von seim Bruder abgschreckt hat.“
Der Jäger streifte mit forschendem Blick das Gesicht seines Begleiters.
„Geh, Friedl, wirst dich doch vor mir nicht scheuen!“ mahnte Benno. „Ich bin selber ein halber Jäger, in meinem Herzen ein ganzer.“
„Ich war net dabei bei der selbigen Geschicht“, begann Friedl nach kurzem Zögern, wobei er seine Stimme zum Flüstern dämpfte, „und weiß halt alles bloß vom Erzählen her. Zu der Zeit, wo der Vater Riesch, der jetzt drunten ’s Wirtshaus hat, noch der Förstner war, da is in Lenggries a Bauer gwesen, ‚beim Huisen‘ heißt man’s auf seim Haus. Der Bauer is noch allweil draußt – aber selbigsmal hat er zwei Söhn ghabt, den Toni und den Blasi. Der Toni war a Wildschütz, der’s grob trieben hat. Glauben S’, der wär zfrieden gwesen, wann er für sich allein an Gamsbock hätt stehlen können? Ah na, gleich fünf oder sechs Burschen hat er noch mitgnommen, und auch sein’ jüngern Brudern, den Blasi, hat er verführt. Und da haben s’ ganze Treibjagden angstellt auf die Berg droben, heut im Bayrischen und morgen im Tirolerischen, und alle Revier haben s’ unsicher gemacht auf zehn Stund in der Gegend, und schockweis haben dö Lumpen ’s Wild auf die Flöß abigführt nach Tölz und München. Amal, da hat’s ihnen fehlgschlagen. Da is dem Förstner gsteckt worden, daß die Huisenbuben drüben im Tirolerischen jagern und wahrscheinlich am andern Tag auf der Isar daherkommen mit’m Floß. Und am andern Tag auf d’ Nacht war an der gfahrlichsten Stell von der Isar und handbreit unter’m Wasser a Drahtseil gspannt, und in die Stauden drin sind d’ Jager gstanden auf der Paß! A Nacht war’s, so stockfinster, daß man kaum drei Schritt weit sehen hat können. Bis lang nach Mitternacht haben d’ Jager paßt. Da hat’s Käuzl grufen. Einer von die Jager war weiter oben auf der Paß, und wann er ebbes hört am Wasser, so war’s verabredt, nacher sollt er den Käuzlruf nachmachen. Der tut’s – a paar Augenblick dauert’s – nacher macht’s im Wasser an Krach, wie wann a Floß anrennt und ausanandreißt. D’Jager pulvern eini in d’ Nacht, a paar Schrei werden laut, und alles war stad, mäuserlstad. Grad ’s Wasser hast noch rauschen hören.“
„Und?“ fragte Benno, als Friedl keine Miene machte, weiterzusprechen.