Sie sprach nicht weiter, sondern blickte zu den Stauden hinüber, in denen Blasi verschwunden war. Der hatte doch auch gesagt: daß Friedl dem fallenden Stein aus dem Weg gesprungen wäre. Sie bekreuzigte sich aufatmend, und wieder suchten ihre Augen den blauen, plumpen Buckel des Rauchenberges. Eine wehe Trauer schnitt sich um ihren Mund. „So a Sprüngl, so a kleins!“ Ein versunkener Laut. „Und kommt net ummi!“
Lenzl mußte das Lachen verstecken. „Er wird halt kei’ Zeit net haben.“
Modei nickte. „Für mich!“ Sie holte ihr Hütl, das zwischen den Steinen lag. „Gschieht mir schon recht. Wer ’s Taubenhaus net verwahrt, der muß riskieren, daß der Marder alles auffrißt, was lebendig bleiben möcht.“ Müden Schrittes, noch einmal die Augen zu dem blauen Berg hinüberwerfend, trat sie in die Sennstube.
Nachdenklich nahm Lenzl den Kopf zwischen die Hände. „Sakra, sakra – dö arme Seel, dö verzehrt sich ganz – was tu ich denn da? Soll ich a Wörtl reden, oder muß ich den Schnabel halten?“ Auf der untersten Hüttenstufe sitzend, schlang er die Arme um das Knie und sann ins Blaue hinaus. Nach einer Weile raunte er vor sich hin: „So is dös allweil – hat sich a Wetter verzogen, so scheppert’s noch lang, wann d’ Luft schon sauber is und a jedweds Blüml wieder sein Köpfl hebt.“ Nun saß er unbeweglich und stumm, einen seltsam kindhaften Blick in den Augen, ein scheues Lächeln um den welken Mund. Wie Staunen und Spannung erwachte es in seinen erschöpften Zügen, wie der Ausdruck eines Menschen, der auf etwas wunderlich Klingendes in seinem Innern hört. Dann fingen seine Augen zu gleiten an und hafteten an vielen Dingen, als sähe er sie zum erstenmal. Nun plötzlich ein Aufzucken, ein Erinnern. „Höi! Schwester!“
Sie kam aus der Hütte, schon wieder in ihren Arbeitskleidern. „Was?“
„Dös muß ich dir sagen: sei gscheid, Schwester! Und tu dich net kümmern! Solang der Mensch noch schnauft, geht ’s Leben allweil wieder auf a Lachen zu.“
„Geh, du!“ Sie sah ihn verwundert an und sagte müd: „Amal, da hast mir versprochen, daß d’ Sonn allweil wiederkommt.“
Er lächelte. „So schau halt auffi! Steht s’ net droben?“
„No ja, freilich – aber du meinst es allweil anders als wie ich.“
„Sooo?“ Lenzl kicherte heiter. „Ah ja, d’ Menschenleut! Sooft man so a dumms Häuterl anschaut, muß man lachen. In Geduld kann der Mensch auf alles warten, was ihm weh tut. Aber d’ Freud? Da meint er allweil, dö muß gleich bei der Hand sein.“