Seiner Mahlzeit vergessend, die auf ihn wartete, hetzte Lenzl durch den steilen Wald hinunter mit dem gellenden Hirtenschrei: „Kuh seeeh, Kuh seeeh, Kuh seeeh!“

In der goldschönen Nachmittagssonne qualmte der Herd

In der goldschönen Nachmittagssonne qualmte der blaue Herdrauch durch das wettergraue Schindeldach der Grottenhütte. An den Türbalken, die schon beschattet waren von der Ausladung des Daches, spielte der rötliche Flackerschein des Feuers, über dem die Pfanne mit Lenzls Mahlzeit dampfte.

Kaum ein Laut war in der flimmernden Stille des Almfeldes. Der Brunnen plätscherte leis, manchmal bimmelte irgendwo eine Kälberschelle, und von Zeit zu Zeit klang aus dem tieferen Wald herauf das Hämmern eines Spechtes. Drunten in der Talsohle rauschten die fernen Dürrachfälle so sanft, daß es sich anhörte, wie wenn eine Hand über starre Seide gleitet.

Noch war der Himmel rein. Doch über den schattseitigen Waldgehängen begannen schon weißliche Flocken aus dem Blau herauszuwachsen, zarte Wolkenkinder, so fein wie Apfelblüten. Manche verschwanden wieder, andere erschienen und wuchsen zu luftigen Bällen, die sacht im Blau zu schwimmen begannen. Wenn zwei einander nahe kamen, schmiegten sie sich Seite an Seite, ließen nimmer voneinander und schmolzen in eins zusammen. Liebe und Sehnsucht auch da droben!

Nun ließ sich, erst ferne, dann immer näher, in gleichmäßigen Zwischenräumen von der doppelten Dauer eines Menschenschrittes, ein klirrendes Geräusch vernehmen, als käme über den Steig aus der Tiefe des Waldes einer langsam heraufgestiegen, der nicht auf zwei genagelten Sohlen wanderte, nur auf einer.

Mit suchenden Augen tauchte Friedls Gesicht aus dem Steingewirr der Steigstufen. Es war ihm anzusehen, welch eine schwere Mühsal dieser Bergweg für ihn geworden. An seinem rechten Fuß hatte sich der Filzschuh in eine so unförmliche Sache verwandelt, daß man den Jäger – wär’ es Mitternacht und finster gewesen – für den berühmten Hinkenden mit dem Pferdefuß hätte halten können. In der Sonne sah dieses Fußknappen eher drollig als unheimlich aus. Friedl, die Zähne übereinanderbeißend, gab sich auch alle Mühe, so fest und aufrecht wie möglich zu schreiten. In Unruh und Sorge spähten seine huschenden Augen. Als er den Rauch sah, der aus den Schindeln qualmte, dachte er: eine barmherzige Nachbarin ist da, die Monika oder die Punkl, um für die Kranke zu kochen. Erst tat er noch einen tiefen Atemzug und trocknete die Perlen seiner Plage vom erhitzten Gesicht. Dann ging er auf die Hüttenstufen zu.

Aus der Sennstube scholl eine klingende Stimme: „Geh, Bruder, komm eini! Dei’ Mahlzeit is fertig.“

Dem Jäger war es anzumerken, daß ihm das Herz heraufschlug bis in den Hals. Dabei glänzten ihm die Augen in froher Erleichterung. „Dös Stimmerl is gar net krankhaft. Da kann’s doch so weit net fehlen, Gott sei Lob und Dank!“

Nun wieder dieser gesunde Klang: „Wo bleibst denn, Lenzl? So komm doch eini!“