Dem Huisenblasi fiel unter keuchenden Sprüngen der Stein aus der Hand. „An d’ Wand hin, Lenzl, druck dich an d’ Wand hin, um Tausendgottswillen!“ schrie er mit gellender Stimme.
Und der Jäger kreischte: „Halt ihn auf! Halt ihn auf, den Lumpen!“ Dann rannte er mit dem Aufgebot seiner letzten Kraft, bis der Schreck ihm die Knie lähmte. Er hatte noch ein halb höhnisches, halb erschrockenes Auflachen des Hirten, einen flehenden Schrei des Huisenblasi und ein heftiges Gebimmel der feinen Schelle vernommen.
Nicht weit von der Stelle, wo der schwere, von Blasi ins Rollen gebrachte Felsklumpen den Schweißhund des Friedl zerschmettert und in die Tiefe geschleudert hatte, waren Blasi und Lenzl gegeneinandergestoßen. Was da geschah, vermochte der Jäger nicht zu erkennen. Wollte Lenzl dem Huisenblasi die Flucht versperren? Oder wollte er ausweichen, sich an die Steinwand pressen, um dem Fliehenden freien Weg zu schaffen? Und verhängte sich der Schellengurt, die feintönende Glocke, an der Joppe, an den Hosenträgern, an der Hemdbrust des Vorüberhuschenden? Die beiden waren plötzlich ein ringender, keuchender, unentwirrbarer, mit gellenden Lauten kreischender Knäuel. Sie taumelten und schlugen mit den Armen, verloren den Boden, einer riß den anderen mit sich, und unter schrillem Doppelschrei, in den sich ein halb ersticktes Gerassel der Schelle mischte, stürzten die zwei Aneinandergekrampften in die schattenblaue Tiefe.
Zwischen dem Gepolter und Sausen fallender Steine vernahm der Jäger einen dumpfen Aufschlag. Vor Grauen wirbelten ihm die Sinne, daß er sich gegen die Felswand lehnen mußte. Diese Verstörtheit dauerte nur ein paar Augenblicke. Dann sprang der Jäger hinüber zur Unglücksstelle, warf sich auf die Knie und beugte sich über den Absturz. „Lenzl!“ schrie er. „Lenzl! Lenzl!“ Das Rauschen des Bergwassers war die einzige Antwort, die aus der Tiefe heraufkam. „Heiliger Herrgott!“ lallte der Jäger und bekreuzigte das aschfarbene Gesicht. „Dös hab ich net wollen.“ Er schien sich über das eigene Wort zu ärgern und knirschte einen Fluch in die Zähne. „Freilich, so is dös allweil auf der Welt! Wann einer an Unsinn macht, so raunzt er a jedsmal: Dös hab ich net wollen.“
Er begann über die Wand hinunterzuklettern, kehrte aber wieder um, weil er sich sagen mußte, daß er allein da drunten, wenn Hilfe überhaupt noch möglich war, nicht helfen konnte. Und weil er die nächsten Menschen in den Almhütten wußte, rannte er über den Steig hinauf, den letzten Rest seines Atems erschöpfend. Die Gedanken, die ihn auf diesem Weg begleiteten, begannen ihn verdrießlich zu machen. Allen inneren Kampf, den sie ihm verursachten, wehrte er mit dem galligen Wort von sich ab: „Ah was! Is halt a Marterl mehr auf der Welt! Und a Lump und a hirnkranks Mannsbild weniger!“ Der Hies war keine mit überflüssigen Sentimentalitäten belastete Seele. Doch als er in der schönen Goldsonne des beginnenden Abends hinaufkam auf das Almfeld und die zwei jungen Menschen in ihrem träumenden Glück vor der Hütte sitzen sah, da gab es ihm doch, wie der Volksmund zu sagen pflegt, einen Riß. Auch fuhr ihm erst jetzt die Erkenntnis durch den Sinn, daß es die Schwester war, an die er die erste Botschaft vom Unglück des Bruders auszurichten hatte. An den Huisenblasi dachte der Hies schon nimmer, der war für ihn erledigt. Während Hies im Goldschimmer des Abends auf die Hütte zuging, nahm er schwül schnaufend den Hut herunter, so, wie er es immer tat, wenn er an einem Feiertag zu Lenggries in die Kirche mußte.
Modei löste sich aus dem Arm des Jägers. „Da kommt einer!“ sagte sie leis. Unter einem Lächeln, das ihr Gesicht verjüngte, strich sie mit beiden Händen langsam über ihre glühenden Wangen.
Friedl, der im Gesicht seines Kameraden zu lesen wußte, sprang erschrocken auf. „Jesus! Hies! Wie schaust denn aus! Hat’s ebbes geben?“
„A bißl ebbes, ja!“ Der Jäger warf sich auf einen Steinblock hin. Mühsam pumpte seine Brust. Als er Atem hatte, sagte er’s mit zwanzig Worten, von denen er meinte, daß sie barmherzig wären.
Modei konnte das Entsetzliche nicht fassen. Der Umschlag aus der Freude in den Jammer war zu jäh über sie hergefallen. Sie zitterte unter stummen Tränen, als Friedl sie umschlang und an seinem Herzen hielt. Auch er vermochte eine Weile nicht zu reden. Dann sagte er zu dem Jäger: „’s Madl is die Meinige, weißt!“ Und sagte zu Modei: „Komm, Herzliebe! ’s Klagen hilft da nix. Da muß man helfen.“ Seine ernste Festigkeit und der zärtliche Klang seiner Worte gaben ihr Mut und Kraft. Sie nickte. Und nun konnte sie gleich an alles denken. „Der Hies muß rasten. Ich spring zu die andern Hütten auffi und hol den Veri und d’ Monika und der Punkl ihren Hüter. Und du, Friedl – Jesus, dein kranker Fuß!“
„Der vertragt schon noch a Bröserl. Ich spring zum Grottenbach ummi. Da schaffen zwei Holzknecht. Die haben alles, was man braucht!“ Weil Modei seine Hand nicht lassen wollte, sagte Friedl: „Da ummi geht’s abwärts. Da tu ich mich leicht. Und mit die Holzknecht komm ich gleich auf’n Dürrachsteig.“ Er humpelte flink davon.