Als die acht Menschen eine halbe Stunde später an der Unglücksstelle zusammentrafen, schrie Modei wie von Sinnen einen gellenden Laut in die rote Glut des Abends. Friedl mußte sie stützen. „Herzliebe, sei stark! Jetzt heißt’s den Kopf in der Höh halten!“ Er legte Gewehr und Rucksack ab und teilte jedem seine Arbeit zu. Monika und Modei mußten mit den Beilen der Holzknechte zu einer gangbaren Waldstelle laufen, um Fichtenzweige für eine Tragbahre abzuhauen. „Der Hies und a Holzknecht bleiben auf’m Steig. Der ander Holzknecht mit die zwei Hüter muß über d’ Wand auffi – da haben s’ mehr Platz, haben Bäum zum Einspreißen und haben mehr Kraft zum Halten und Ziehen. Ich, weil ich a bißl schwach auf die Schuh bin, ich laß mich anseilen.“

„Aber Mensch!“ warnte Hies. „Dös is die härteste von aller Plag!“

„Mein Fuß kann rasten dabei.“ Mit einer Doppelschlinge, die nicht würgen konnte, band sich Friedl das Ende des langen Seiles um die Brust und nahm noch ein zweites Seil in den Rucksack. Dann gab er den Hut fort, sprach mit leiser Stimme ein Vaterunser und warf noch einen Blick nach der Waldstelle, von welcher Modeis Beilhiebe herüberklangen.

Das Seil wurde straffgezogen, Friedl rutschte vom Steig ins Leere und schwebte über dem Abgrund, mit gespreizten Füßen von der Steinwand sich abstemmend, um ein Aufscheuern des Seiles an den Felskanten zu verhüten.

In der Tiefe, bis übers Knie im Wildwasser stehend, mußte er zuerst die Hände über die Augen decken, um das Grauen des Anblicks zu überwinden, der sich ihm bot.

An einem halb aus dem Wasser ragenden Fels hing Blasis Leichnam, bis zur Unkenntlichkeit zerschmettert; das gurgelnde Wasser spülte weg über seinen Kopf; die starre Faust umklammerte einen zerfetzten Ledergurt mit einer breitgequetschten Schelle, die von den schießenden Wellen gegen den Stein gesprudelt wurde und noch immer klingen wollte.

Hinter dem Fels lag Modeis Bruder, bis zu den Hüften ins Wasser getaucht, mit dem Rücken und den im Nacken verschlungenen Armen gegen die Steinwand gedrückt. Seine Augen waren geschlossen, Blutschaum quoll aus den Mundwinkeln.

Friedl watete durch den schäumenden Bach auf Lenzl zu und trug den leblos Scheinenden zu einer freieren Stelle des Ufers. Auf den Knien liegend, riß er sein Halstuch herunter, tauchte es in das kalte Wasser, wusch dem Lenzl das Gesicht und schrie vor Freude, als ein tiefer Atemzug die Brust des Ohnmächtigen schwellte.

Droben rief eine Stimme: „Um Gottes willen, was is denn?“

„Der Lenzl lebt!“ schrie Friedl hinauf und sah, daß der Blutende die Augen öffnete. Die glitten langsam in der Schattendämmerung der engen Schlucht umher und blieben am Gesicht des Jägers haften.