Ein mattes Lächeln. „Mir scheint – da kenn ich mich aus – da hat’s an End mit der Sonn – und d’ Nacht is da – und d’ Schwester –“ Die Stimme erlosch im Rauschen des Wassers. Ein Seufzer. Und die Augen schlossen sich wieder.

Jäher Schreck befiel den Jäger, und erschüttert stieß er vor sich hin: „Gscheider, er wär a Narr blieben!“ Die Brust des Bewußtlosen atmete weiter. Und Friedl hoffte wieder. Gebete stammelnd, riß er aus seinem Bergsack den Strick heraus, den er mitgebracht hatte, band den Lenzl an die eigene Brust, schnürte die schlaffen Arme des Ohnmächtigen um seinen Hals, rüttelte am hängenden Seil und schrie zur Höhe: „Auf!“

Straff spannte sich das Seil im Zug der doppelten Last. Ruck um Ruck schwebten die zwei empor, und Friedl mußte seine ganze Kraft und Besinnung aufbieten, um beim Schwanken und Drehen des Seiles jeden Anprall an die Felsen zu verhindern.

Als man die beiden bis zum Schluchtrand hinaufgezogen hatte, wanden die über der Felswand Stehenden das Seil um einen Baum, so daß der Holzknecht und Hies auf dem Steig die Hände frei bekamen, um den Jäger mit seiner Last über die Steinkante heraufzulupfen. Als Friedl das Seil von seiner Brust löste, flüsterte Hies: „Und der ander?“

„Da mußt unsern Herrgott fragen!“ sagte Friedl ernst. „Wir müssen schauen, daß wir den Lenzl heimbringen. Jeder Verzug is Gfahr für sein Leben.“

Hies und der Holzknecht trugen den Bewußtlosen hinunter bis zur Dürrachbrücke. Als sie ihn dort ins Gras legten, kam die Schwester, Stangen und Zweige schleppend. Sie warf sich neben dem Bruder zu Boden und preßte zuckend das Gesicht an seine Schulter.

Während die letzte Rotglut des Abends auf den Gipfeln und hohen Wänden brannte, band man im dämmrigen Waldschatten eine Tragbahre zusammen.

Die zwei Hirten stiegen zu ihren Hütten hinauf, und Monika sagte zu Modei: „Um ’s Vieh brauchst dir kei’ Sorg net machen. Ich bin schon da. Und alls wird in Ordnung sein.“ Bei der Brücke blieben nur die beiden Holzknechte, um auf die Mannsleute zu warten, die ihnen Friedl zur Hilfe heraufschicken wollte; dann sollten sie in der Nacht den anderen aus der Tiefe heben und hinaustragen nach Lenggries.

Die beiden Jäger schleppten die Bahre. Das ging langsam. Sie hatten harte Plage, bis sie glatteren Weg bekamen. Und Friedl, auch auf der besseren Straße, mußte alle hundert Schritte rasten. Immer wollte ihn Modei ablösen. Das litt er nicht. „Dich braucht der Lenzl.“ Neben der Bahre gehend, tauchte sie, sooft eine Quelle kam, das Tuch ins Wasser und kühlte die Stirn des Bruders. Und immer betete sie, während ihr die Tränen über die Lippen kollerten.

Beim schweren Tragen mit dem zerweichten, häufig rutschenden Filzschuh zitterte Friedl immer merklicher. Vergelts Gott, dachte er, weil’s nur allweil finster wird! Da kennt sich ’s Madl net aus.