Da klang von ferne der langgezogene Juhschrei einer Sennerin. Lenzl fuhr lauschend auf. „’s Lisei kommt!“ Er sprang zur Tür und taumelte ins Freie. „Lisei! Lisei!“ hörte man ihn schreien. Dann wieder sein Wimmern: „A Narr – ich bin a Narr, a verruckter – alle hat’s derschlagen –“

Schweigend saß Modei auf dem Herd, das Gesicht in die Hände gedrückt. Friedl nagte stumm an der kalt gewordenen Pfeife, bis ein Geräusch ihn aufblicken machte. Benno stand bei der Tür und winkte ihm. Der Jäger stand auf. Als er vor die Tür trat, faßte ihn Benno am Arm und zog ihn zu einem Grashang, von dem man hinuntersah nach Fall und in das weite, von den Schatten des Abends umflossene Tal.

Durch das Fenster hatte Benno das Gebaren des Alten mit angesehen und wollte wissen, was die Worte des Irrsinnigen zu bedeuten hätten.

Friedl seufzte. „Man kann net sagen, daß er verruckt wär. Und kann net sagen, daß bei ihm unterm Hirnkastl alles in Ordnung is. Die meiste Zeit is er ganz beinand, und da redt er gscheider als mancher andre. Aber diemal kommt’s halt so über ihn. Verargen kann man’s ihm net, dem armen Teufel! Was der schon durchgmacht hat im Leben! Über die zwanzg Jahr mag’s her sein – d’ Modei war selbigsmal noch a Kindl und der Lenzl a Bursch in die besten Jahr –“

„Ist das möglich?“ unterbrach ihn Benno. „Ich hätte den Alten auf Siebzig und darüber geschätzt.“

„So schaut er aus. Und is noch net amal in die Fufzg. Und selbigsmal is dem Lenzl sein Haus niederbrennt. ’s ganze Anwesen und ’s Vieh, alles war hin. Und Vater und Mutter sind ihm verbronnen. ’s kleine Modei hat a Bauer in Pfleg gnommen, der keine Kinder ghabt hat. Dös wär a guts Platzl gwesen, wann net der Bauer a bißl gar z’fruh gstorben wär. Wie d’ Verwandten den Hof übernommen haben, war’s für d’ Modei aus mit der guten Zeit. Kaum fufzehn Jahr war s’ alt und hat sich als Hütermadl verdingen müssen. Herr, dös is a sauers Brot. No, wenigstens hat s’ nacher keine Schläg und schiechen Reden mehr leiden müssen. Und den Bruder hat s’ bei ihr haben können und hat den Burgermeister net allweil jammern hören, was der Lenzl der Gmeind für Unkösten macht. Wissen S’, der Lenzl is selbigsmal nach der Brandnacht in a schwere Krankheit verfallen. Ich weiß net, wie s’ der Dokter gheißen hat. Lang hat’s dauert. Z’erst is der Lenzl bei meim Vater im Haus glegen. Aber wie’s allweil ärger worden is, hat er nach Tölz ins Krankenhaus müssen. Wie er aufgstanden is, hat er ganz weiße Haar ghabt. Und alls, was früher gwesen is, war ihm aussigfallen aus’m Köpfl. Erst nach und nach is ihm diemal wieder ebbes eingfallen.“

Friedl klopfte an einem Stein die erloschene Pfeife aus und steckte sie in die Joppentasche.

„In die ersten Jahr hat’s mit’m Lenzl so ausgschaut, als ob’s aus und gar wär mit seim bißl Verstand. Und wie ihm ’s Köpfl halb wieder licht war, is dös ander Elend kommen. Sie wissen ja, wie d’ Leut oft sind – schlechter als schlecht oder dümmer als dumm. Die Burschen und Madln haben allweil ihren unguten Gspaß mit’m Lenzl trieben und haben ihn zum Narren ghalten. Am ärgsten hat’s dem Rudhammer sein Madl mit ihm gmacht. Dö hat Lisei gheißen und war der Schatz vom Grubertoni. ’s Madl is sauber gwesen, aber boshäftig wie drei Katzen. Sooft d’ Lisei den Lenzl gsehen hat, hat s’ ihre Dummheiten mit ihm trieben und hat ihm fürplauscht, wie arg er ihr gfallen tät. Und schön hat s’ ihm tan, wie wann er richtig ihr Gspusi wär. Daß dem Lenzl dös gfallen hat, können S’ Ihnen denken! So ebbes glaubt man leicht.“

Die ernsten Augen des Jägers glitten hinüber zu Modeis Hütte.

„Alls hat der Lenzl für Ernst gnommen und hat von der Lisei gredt und träumt bei Tag und Nacht. Die andern haben ihn aufzogen und gspöttelt. Und d’ Lisei selber am allerärgsten. Unser Herrgott hat s’ aber auch gstraft dafür. Amal, wie Kirta war und Musi beim Wirt, da is d’ Lisei mit’m Grubertoni zum Tanz gangen. Dös hat er gmerkt, der Lenzl. Auf der Straßen vor’m Wirtshaus hat er s’ gstellt. Da hat ihn d’ Lisei an Narren gheißen, an verruckten Deppen, und hat ihm ins Gsicht gspieben. Und der Grubertoni hat ihn packt und hat den krankhaften Menschen so verdroschen, daß der Lenzl schier liegenblieben is am Platz. Wie für die andern zwei dö Lustbarkeit ausgfallen is, dös haben S’ ja grad vom Lenzl selber ghört. Wort für Wort is alles wahr!“