Verdutzt guckte Martl in das ernste Gesicht des Mädels, ratlos, was er da erwidern sollte. Nach dem, was Blasi ihm mitgeteilt hatte, war er auf eine andere Wirkung seiner Botschaft gefaßt gewesen. Den ganzen Weg über hatte er sich auf sanfte und kluge Trostworte besonnen, um sie bei einem heftigen und tränenreichen Auftritt lindernd zu verabreichen. Und nun! Schweigend saß er da, rückte verlegen die Brille und war herzlich froh, als Stimmen, die sich draußen näherten, ihm Veranlassung gaben, ins Freie zu treten. Lenzl folgte ihm, während Modei unter der Türe stehenblieb.
Über den höheren Berghang kam die alte Punkl heruntergestiegen, mit Monika, ihrer Hüttennachbarin, einem drallen, runden Mädel, das lustig jodelte, wenn auch manchmal ein bißchen falsch. Lenzl schnitt dazu eine wehleidige Grimasse und schalt über den Hang hinauf: „Du! Hörst net auf, da droben! Dös fahrt eim ja wie a Stricknadel in d’ Ohrwascheln eini!“
„Geh, sei net so grantig!“ antwortete die gutgedrechselte Sennerin. „Mich freut halt ’s Leben. Da muß ich allweil dudeln.“
„Dös glaub ich, daß d’ heut gaggerst wie a Henn, wann s’ glegt hat. Meinst, ich hab’s net gesehen, wer heut in der Fruh aus deiner Hütten aussigschloffen is?“
Das Mädel lachte. „Verschaut hast dich!“
„Ja, lach nur, du!“ Lenzl wurde ernst. „Und wart drei Vierteljahr! Da fallt dir in dei’ süße Musi a Tröpfl Essig eini.“
„Meintwegen! Jetzt bin ich noch allweil bei der Süßigkeit.“ Das Bein hebend, schrie Monika einen vergnügten Jauchzer in den schönen Abend hinaus.
Lenzl schüttelte den Kopf. „Da is eine wie die ander. Es wird halt so sein müssen. Sonst tät der Nachwuchs auslassen.“ Gleich einem Betrunkenen kreischte er ins Leere: „Du, Lisei, weißt es schon –“ Verstummend griff er wie ein Erwachender mit der Hand nach seiner Stirn und murmelte: „Jetzt glaub ich bald selber, daß ich a Narr bin.“
Bei der Stalltür sah der Doktermartl die gesund gewordene Blässin grasen. „No also“, rief er über die Schulter zur Modei hinüber, „gelt, ich hab dir’s gsagt: dö macht sich wieder! Am Inkreisch hat’s ihr halt a bißl gfehlt. Dö hat beim Grasen ebbes Scharfs derwischt. So ebbes vertragt a jeder Magen net. Es is mit’m meinigen grad so. Auf den muß ich aufpassen wie auf a kleins Kind. Bei der zehnten, zwölften Maß Bier macht er schon allweil Mannderln wie a derschrockener Kiniglhaas. Jaaa, Madl, wann sich die Blässin wieder amal überfrißt und a bißl schwermütig dreinschaut, nacher gibst ihr mein Trankl wieder und redst recht lustig mit ihr. Bei allem, was eim weh tut, Mensch oder Viech, hat a fidels Gemüt a segensreiche Vereinflussung. Der Traurige stirbt allweil früher als wie der Lustige. Dös is a Naturgsetz.“ Er schnupfte.
Mit den Gedanken bei anderen Dingen, sagte Modei: „Weil mir nur grad dös Stückl Vieh wieder gsund is.“