„Ach, Herr Heinrich,“ klagte Frater Severin, „ich könnt Euch erwidern mit einem Heidenwort: Naturam expellas furca, tamen usque recurret! Aber wie kann Heidenweisheit ein Trost sein für einen guten Christen. Und da mir geschah, wie Lukas, der Evangelist, Kapitel 6, Vers 38 prophezeite: Ein gutes, ein gedrückt volles Maß wird euch in den Schoß gegeben — so wollet bedenken, Herr Heinrich, daß der heilige Johannes in seiner Offenbarung, Kapitel 2, Vers 25 befiehlt: Und was ihr habt, das sollt ihr bewahren!“ Sorgend legte er die Hände über sein Bäuchl.

Herr Heinrich lachte; Vogt Schluttemann aber dachte an Frau Cäcilia: auch ein gedrückt volles Maß, das er bewahren mußte!

Knirschend fuhr das Boot in sandig verlaufendes Ufer, das durchbrochen war vom Bett eines schäumenden Baches. Herr Heinrich, der Vogt und Frater Severin stiegen ans Land, und die Fischerknechte stießen den Kahn in den See zurück, um die Heimfahrt anzutreten.

„Steiget nur immer voran und wartet meiner auf der Höh!“ sagte Herr Heinrich.

Der Vogt und Frater Severin überschritten auf schwankendem Stege den Wildbach und verschwanden auf dem jenseitigen Ufer im sanft ansteigenden Bergwald. Herr Heinrich ging den Wildbach entlang, bis er eine aus Steinen erbaute, an eine hohe Felswand angelehnte Klause erreichte. Er öffnete die Tür; die Klause war leer.

„Dietwald!“ rief er mit lauter Stimme; niemand zeigte sich. „Sollte er hinausgefahren sein zum Fischfang?“ Nein, der Einbaum lag an das Ufer gezogen. Herr Heinrich folgte einem schmalen Fußpfad. Immer näher trat die ragende Felswand an den Wildbach heran, von der andern Seite näherte sich der Bergwald, so daß eine enge Schlucht gebildet wurde, auf deren Grund die schäumenden Wasser in tief zerrissenem Bett mit ohrbetäubendem Lärm hinwegrauschten über mächtige Steinklötze und zerschmetterte Baumstämme. Wo die Schlucht ein Ende nahm, stürzte der Bach aus schwindelnder Höhe hernieder in ein von siedendem Schaum erfülltes Becken, das der fein zersprühende Wasserstaub, von einem Sonnenstrahl durchleuchtet, mit buntfarbigem Schimmer überwob. Neben dem Wasserfall zeigte sich an der Felswand der Eingang einer Höhle, vor der ein hohes steinernes Kreuz errichtet war, schon grau verwittert und halb überzogen von gelblichem Moos.

Dem Kreuz zu Füßen, auf einem Holzblock, saß Pater Desertus, der Fischmeister des Klosters. Er hielt den einen Arm auf das Knie gestützt und das Haupt auf die Hand geneigt; mit der andern Hand nahm er von dem dürren Astwerk, das der Wildbach an das Ufer geschwemmt hatte, einen Zweig und warf ihn in das wirbelnde Wasser; verloren in Gedanken, schaute er zu, wie der Strudel den Zweig verschlang, wie ihn die Wellen mit sich fortrissen. Dann nickte er vor sich hin und warf einen anderen Zweig.

Er hörte vor dem Rauschen des Wassers die nahenden Schritte nicht und blickte betroffen auf, als er eine Hand auf seiner Schulter fühlte. „Herr Heinrich?“ Grüßend neigte er das Haupt und erhob sich.

„Was treibst du hier?“ fragte lächelnd der Propst.

„Das Spiel meiner Tage.“