Als Gittli die Herrenhütte betrat, kam sie gerade recht, um Herrn Schluttemanns Auferstehung mitzufeiern. Sein Kopf erschien über dem Rand des Heubodens. Wo aber hatte er das Gesicht gelassen, das er sonst an jedem Morgen zu zeigen pflegte? Jenes zornbrennende Gesicht mit den finster gerunzelten Brauen, den rollenden Augen und dem gesträubten Schnauzer? Er schien sich verwandelt zu haben in diesem langen Schlaf. Sanft hing ihm der Schnauzbart über den Mund, lustig blitzten seine Augen, und mit einem Gesichte, lachend bis zu den Ohren, stieg er über die Sprossen nieder, Frater Severin meinte: wie der strahlende Erzengel Gabriel herunterkommt über die Himmelsleiter.

Auf der Erde angelangt, streckte und dehnte sich der Vogt, rieb vergnügt die Hände, schüttelte die Heufäden von seinem Wams, schlug den Frater mit der flachen Hand auf die breite Schattenseite, daß die ganze Kutte wackelte, kneipte Gittli in die Wange und trat mit fröhlichem Gesicht in die Herrenstube. Und während nun Stunde um Stunde verging, hörte man seine lachende Stimme an allen Ecken und Enden, bald im Herrenhaus und bald in der Jägerhütte. Hier wurde er freilich von Herrn Heinrich ausgetrieben, um Haymo einen ruhigen, stärkenden Schlaf zu sichern.

Einige Stunden nach Mittag versiegte der Regen, die Wolken klüfteten sich, und die Sonne warf, ehe sie hinter die Berge sank, noch einen goldigen Schein über die beiden Hütten.

Herr Heinrich nahm die Armbrust hinter den Rücken und stieg zum Kreuzwald empor; der Vogt machte sich mit den Knechten auf die Suche, und Desertus wanderte einer nahen Felshöhe zu; dort sah ihn Gittli auf einem Steinblock sitzen, bis der Abend dämmerte. Haymo schlief, und Gittli weilte mit Frater Severin und Walti auf der Bank vor der Hütte, mit halbem Ohr nur hörend, was die beiden plauderten; in Sorg und Unruh glitten ihre Blicke immer wieder hinüber nach dem Steintal; die bitterste Angst war aber doch von ihr genommen. Sie hatte jetzt einen Schutzengel, der droben im Himmel sorgte für sie, für den Wolfrat und die Seph. Und was der Bruder auch gesündigt — sie hatte es doch ein lützel wieder gut gemacht.

Der erste, der zurückkam, war Herr Schluttemann. Er hatte nichts gefunden, rein gar nichts! Der Regen hatte Haymos blutige Fährte und die Schweißspur des verschleppten Steinbocks ausgelöscht. Ja, der Schutzengel!

Bei Anbruch der Nacht kam der Propst mit Pater Desertus zurück. Herr Heinrich hatte eine Fehlpirsch auf den Auerhahn getan. Beim Niederstieg hatte er einen Luchs aufgegangen und dem fliehenden Raubtier einen Bolzen nachgeschickt. Nun sollten zwei der Knechte während der Nacht hinuntersteigen zum Kloster, um die beiden Schweißhunde zu holen: die Hel und den Weckauf. Einem der Knechte befahl Herr Heinrich, im Hause des Sudmanns vorzusprechen, um für Gittli mitzubringen, was sie nötig hätte an Gewand und Wäsche. Bald nachdem der Abendimbiß genommen war, wurde es still in den beiden Hütten; Gittli und Walti wachten bei Haymo; Herr Heinrich, der vor Tag wieder auf den Beinen sein wollte, hatte sich zur Ruhe begeben, und Desertus mußte seinem Beispiel folgen. In der Küche saßen Herr Schluttemann und Frater Severin am Herd. Als der Vogt meinte, daß Herr Heinrich schon in Schlaf gesunken wäre, verließ er die Hütte und holte das zweite ‚Pärchen‘ aus dem Versteck. Schwer seufzend wandte Frater Severin sich ab, als Herr Schluttemann die eine der beiden Steinflaschen zwischen die Knie nahm, um mit hochwichtiger Sorgfalt den mit Wachs verklebten Pfropf zu lösen. Einen langen, langen Zug tat der Vogt, dann reichte er die Flasche dem Bruder. „Tauchet an, Frater!“

Ein stummes Kopfschütteln war die Antwort.

Herr Schluttemann erschrak. „Bruder? Seid Ihr krank?“

„Nein. Aber ich will nit trinken. Heut treib ich keine Heimlichkeit. Herr Heinrich war so gut zu mir.“

„Tatata! Das ist eine Ausred! Wer nicht trinken will, hat entweder ein böses Stück getan oder will’s begehen. Zeiget, daß Ihr ein unschuldig Herz habt! Schluck, schluck!“