Sepha stellte das Licht in die Fensternische und ließ sich seufzend auf den Rand des Bettes nieder. Lange schwiegen sie.

Da begann an der Tür der Holzwurm wieder zu pochen.

„Hörst du ihn klopfen?“ flüsterte Sepha, während ein Frösteln über ihre Schultern lief. „Das erstemal hab ich ihn gehört in der Nacht, in der über mein Kind der Krank gekommen ist. Jetzt weiß ich, was der Würbel[26] selbigsmal hat sagen wollen!“ Sie schlug die Hände vor das Gesicht.

Gittli richtete sich auf, legte den Arm um Sephas Schultern und tröstete sie mit herzlicher Rede. Sie hatte sich Wort um Wort alles gemerkt, was Herr Heinrich mit ihr von dem Kinde gesprochen. Als Sepha endlich ruhiger wurde, begannen sie von Mimmidatzi zu plaudern. Sie erinnerten sich an jeden heiteren Zug des Kindes, an jedes verstümmelte Wort, das der kleine Mund geplappert, an jede drollige Gebärde. Und Gittli verstand es so gut, die Weise des Kindes nachzuahmen, daß zuweilen sogar ein schüchternes Lächeln über Sephas Lippen huschte. Darüber verging ihnen Stunde um Stunde, so daß sie kaum merkten, wie draußen der Tag zu grauen begann. Sie wurden es erst gewahr, als das niedergebrannte Talglicht mit hoher Flamme zu lodern begann.

„Schau, Seph, es taget schon!“ sagte Gittli. „Geh, tu dich noch für ein Stündl hinstrecken. Ich mein’ doch, du tätst die Ruh brauchen.“

Sepha löschte das qualmende Licht. „Jetzt muß er bald kommen!“ seufzte sie und wollte die Kammer verlassen. Noch einmal kam sie zurück. „Du, Gittli, sag, was ist das eigentlich mit dem Schatz?“

„Mit was für einem Schatz?“

„Der Polzer hat mir gesagt, du tätst einen Schatz wissen, der zu heben wär, und du hättest den Schlüssel dazu?“

Gittli schüttelte den Kopf zu dieser unverständlichen Sache.

Durch das Fenster klang von der Straße her der ferne Hufschlag mehrerer Pferde. An der Achenbrücke zogen sie vorüber und lenkten auf den Weg ein, der zur Grenzwarte des Klosterlandes, zum festen Hallturm führte, und von dort hinunter in das Reichenhaller Tal, hinaus in das ebene Land. Zwei gewaffnete Knechte zu Pferd, jeder ein beladenes Saumpferd führend. Ihnen voran ritt Desertus auf einem Eisenschimmel, dessen violette Schabracke, fast auf der Erde schleifend, in jedem Zipfel das Wappen des Klosters zeigte. Desertus trug nicht mehr die weiße Kutte, sondern das festliche Kleid des Chorherren: das Pelzbarett, den mit Otterfell verbrämten Mantel, und darunter den seidenen Talar, der, für den Ritt berechnet, bis zum Gürtel geschlitzt war. Es klirrte bei jedem Tritt des Rosses. Über dem Talar trug Pater Desertus den Harnisch und das Schwert.