„Der Haymo stirbt.“ Immer, immer hörte sie nur dieses eine Wort. Das Herz schlug ihr wie ein Hammer, und dennoch rann das Blut so kalt wie Eis durch ihre Glieder. „Der Haymo stirbt.“ War er denn nicht genesen? Hatte Herr Heinrich gelogen, als er diese Botschaft sandte, diese erste und einzige Freude, die sie hier zwischen den dumpfen, ihre ganze Lebensfreude erdrückenden Mauern erfahren durfte? Oder war Haymos Wunde wieder aufgebrochen? Hatte ihn ein neues Unheil getroffen? War er auf seinen gefährlichen Wegen gestürzt? Hatte ein Raubschütz, ein wildes Tier ihn angefallen? Quälende Bilder stiegen vor ihren Augen auf, und aus jedem dieser Bilder schrie ihr eine jammernde Stimme zu: „Der Haymo stirbt! Der Haymo stirbt!“
Fröhlicher Lärm unterbrach sie in ihren martervollen Gedanken. Etwa zwanzig Mädchen stürmten in den großen Schlafsaal, um die Kleider zu wechseln und sich vom Straßenstaub zu reinigen. Rings um die Wände standen die weißen Betten, jedes neben einem schmalen Schrein; die freie Mitte des Saales nahm der riesige Waschtisch ein, dessen Innenraum, einem gewaltigen flachen Trichter gleichend, mit blankem Kupfer ausgeschlagen war; rings auf dem breiten Rand war für jedes Mädchen ein Krug mit Wasser in Bereitschaft gestellt. Das gab ein lieblich heiteres Bild, wie sich die Mädchen um den Waschtisch drängten, mit gelösten Haaren, im kurzen Unterkleid, mit nackten Armen und Schultern, plaudernd und kreischend, lachend und kichernd, mit Wasser spritzend und plätschernd, die Augen leuchtend, die Wangen brennend. Und daneben Gittli in den Kissen, stumm und bleich, verzehrende Angst in jedem Blick, in jedem Herzschlag zitternde Furcht und heiße Sehnsucht.
Den ganzen Tag über blieb Gittli kaum ein Viertelstündchen allein; sie hatte so viele Freundinnen, als das Heim der Domfrauen an jungen Mädchen barg. Zu Anfang hatten diese anderen das scheue, unbeholfene Ding mißachtet, verspottet und gehänselt wegen seiner bäuerischen Sprache und seines furchtsamen Wesens. Aber das Geheimnis, das um die kleine ‚Brigitte von Dorfen‘ gebreitet schien, reizte die Neugier; ihre stille, träumerische Schwermut weckte das Mitleid; und schließlich bezwang Gittlis natürlicher Liebreiz auch das widerspenstigste dieser jungen Mädchenherzen. Sie nahm die zärtlichen Freundschaften hin wie etwas Aufgezwungenes; sie lebte nur in sich selbst, und so war ihr alles, was sie hier umgab, an diesem letzten Tage noch so fremd und bedrückend, wie es ihr am ersten Tag gewesen. Sie kam sich vor wie in einem Fastnachtsspiel, darin man ihr die Rolle der verwunschenen Prinzessin wider Willen aufgezwungen hatte. Und wenn sie jetzt um Haymos willen in Angst und Bangen der Stunde entgegenzitterte, die ihre Flucht ermöglichen würde, mischte sich in ihre beklemmende Marter auch ein Aufatmen, ein tröstendes Vorgefühl ihrer Erlösung aus diesen schrecklichen Mauern.
Als es zu dämmern begann, blieb Gittli, während im Refektorium die Abendmahlzeit gehalten wurde, eine halbe Stunde allein. Zitternd erhob sie sich und zog das Gewand an, das neben dem Bett noch auf dem Sessel lag: das weiße, ausgeschnittene Schleppkleid und die gelben Schnabelschuhe. Ein Mäntelchen, das sie aus dem Schrein hervorholte, versteckte sie unter dem Kissen. So angekleidet legte sie sich nieder.
Jetzt kamen Stunden quälender Angst; kaum hatte sie die Decke bis an das Kinn gezogen, da brachte ihr eine dienende Schwester das Abendessen. Zuerst stellte sie sich schlafend; als sie geweckt wurde, beteuerte sie unter Stammeln und Tränen, daß sie nicht ein ‚lützel‘ Hunger hätte. Um zu essen, hätte sie sich aufrichten und dabei verraten müssen, daß sie angekleidet im Bette lag. Die Schwester ging, aber gleich wieder kam eine neue Gefahr: die Frau Oberin erschien, um sich nach Gittlis Befinden zu erkundigen.
„Dank der Nachfrag, ehrwürdige Mutter,“ stammelte das Mädchen, „mir ist schon völlig wieder gut. Aber schläfrig bin ich. So viel gern schlafen möcht ich.“
„So schlaf, mein Kind! Aber mummel dich nicht so in die Decke! Da muß dir heiß werden, und dann wirst du dich in der Nacht erkälten.“
„Wenn mich aber so viel frieren tut!“ wehrte Gittli mit versagender Stimme und hielt die Decke krampfhaft fest.
„Frieren, Kind? Du wirst doch kein Fieber haben?“ sagte die Oberin erschrocken. „Komm, gib deine Hand her, ich will den Puls fühlen.“
Ein ganz klein wenig schob Gittli die zitternde Hand unter der Decke hervor.