„Ach, du armes Kind! Deine Hand glüht wie Feuer, und dein Puls hämmert.“ Die Oberin eilte zur Tür und zog an der Schellenschnur. Die dienende Schwester, die erschien, wurde um eine fieberstillende Arznei geschickt. Und wie Gittli sich auch sträubte — sie mußte schlucken. Ein naßkaltes Tuch wurde um ihre Stirn gebunden; aber das ‚Fieber‘ wollte nicht weichen, die Glut ihrer zitternden Hände nicht erkühlen.
Die Oberin schickte die dienende Schwester um Essig fort und richtete an Gittli eine besorgte Frage um die andere. In der quälenden Angst vor der drohenden Entdeckung verwirrten sich die Antworten des Mädchens immer mehr, so daß es wahrhaftig den Anschein gewann, als spräche aus ihr das sinnverwirrende Fieber.
„Kind, Kind! Du wirst mir doch nicht ernstlich erkranken!“ jammerte die Oberin. „Gib die Decke weg, ich höre die Schwester schon kommen, wir müssen dich mit Essig waschen.“
Gittli schluchzte und bettelte; aber es half ihr nichts; die Oberin löste ihr die Hände und nahm die Decke fort. Trotz der tiefen Dämmerung, die schon im Raume herrschte, erkannte die Oberin sofort, daß das Mädchen völlig gewandet und mit den Schuhen im Bette lag.
„Brigitte? Was soll das heißen?“
Gittli hatte sich aufgerichtet, die Füße unter das Kleid gezogen und hielt die zitternden Arme über der Brust verschlungen, mit verstörten Augen zur Oberin aufblickend.
Da half keine Ausrede mehr; nun mußte man ihre Absicht durchschauen, man würde ihre Flucht verhindern — und „der Haymo stirbt, der Haymo stirbt!“
Sie mußte fort, jetzt, gleich auf der Stelle, und wenn es ihr Leben gälte! Sie sprang aus dem Bett, riß mit jähem Ruck das Mäntelchen unter dem Kissen hervor, warf es um die Schultern und stürzte der Türe zu, als eben die Schwester mit der Essigschüssel eintreten wollte. Ein Schrei, ein Klatsch auf den Dielen, und vorüber an der taumelnden Nonne, welche die Schüssel hatte fallen lassen, rannte Gittli in den dunklen Säulengang hinaus. Hinter ihr her die beiden Frauen mit lautem Geschrei. Im Spielsaal verstummte der fröhliche Lärm, die Tür wurde aufgerissen, und mit erschreckten Gesichtern kamen die Mädchen herbeigelaufen.
„Was gibt es? Was ist geschehen?“ So rief es mit zwanzig Stimmen durcheinander.
Die beiden Nonnen konnten sich dem Ring, der sich um sie gebildet hatte, kaum entwinden; Gittli gewann einen weiten Vorsprung, verschwand um die Ecke des Ganges, und während hinter ihr der Lärm der Stimmen verhallte, rannte sie Trepp auf und ab, durch dunkle Korridore, bis sie die Klosterkirche erreichte. Laut kreischte die eiserne Tür in den Angeln. Ein Schauer faßte Gittlis Herz, als sie zwischen den Säulen der Krypta den Schein des ewigen Lichtes schimmern sah; ein stammelndes Gebet auf den Lippen, eilte sie der finsteren Turmhöhle zu und hastete über die steile Treppe hinauf, bis sie das erste unvergitterte Fenster erreichte. Es lag über der Erde fast so hoch wie der Giebel an ihres Bruders Haus. Sie zögerte — „Der Haymo stirbt!“ schrie es in ihr — und da sprang sie. Der harte Sturz betäubte sie fast, aber nur einen Augenblick währte ihr Taumeln, dann rannte sie an der öden Mauer entlang und schrie mit gellender Stimme: „Zenza! Zenza!“