Haymo, dem die Kappe entfallen war, stand mit zitternden Händen und wankenden Knien. Jetzt erblassend, dann wieder die Wangen überflogen von brennendem Rot, riß er Mund und Augen auf und starrte nach der Tür, aus welcher Pater Desertus trat, Gittli an seiner Hand. Wie hold und schmuck war das Mädchen anzusehen! Ein roter Rock umfloß in weichen Falten ihre schlanke Gestalt, aber er war nicht kurz geschnitten nach Bauernart, sondern reichte, wie bei einem Fräulein, bis auf die Fußspitzen; schneeweißes Linnen umbauschte die Schultern und Arme, und knapp spannte sich ein dunkelgrünes, mit Silber verschnürtes Mieder um die junge Brust. Gittlis Augen leuchteten, wie glühende Rosen lag es auf ihren Wangen, und gleich einer schwarzen Krone schmückten die straff geflochtenen Zöpfe ihre Stirn.
Haymo lallte mit schwerer Zunge. Aber da hatte ihn Gittli schon erblickt und kam auf ihn zugeflogen mit freudigem Schrei. Stammelnd und schluchzend hing sie an seinem Hals, während Haymo, durch das über ihn herstürzende Glück um alle Besinnung gebracht, noch immer mit den Händen ins Leere tappte. Gittli nahm sich nicht einmal die Zeit zu einem Kuß. Hastig löste sie sich wieder von Haymos Brust, und mit der einen Hand seinen Arm umfassend, griff sie mit der anderen nach der Hand des Paters.
„Gelt, Herr Pater, gelt, ja? Ich darf ihm gleich alles zeigen?“
Desertus nickte mit frohen Augen. Und da zog sie den Stammelnden mit sich fort, unter sprudelnden Worten: „So schau doch, Haymo, schau! Was sagst du? Schau dir das schöne Haus an! Da sollen wir wohnen miteinander, hat der gute Pater gesagt! Und schau nur, das steinerne Bankl vor der Tür! Da können wir sitzen und Haimgart halten auf den Abend, hat der gute Pater gesagt. Und er selber wird manchmal kommen, hat er gesagt. Wie der uns mögen tut, ich sag dir’s, ein Vater kann seine Kinder nit lieber haben. Und schau, Haymo, schau, in das leere Nischerl über der Tür, hat er gesagt, da kommt ein Muttergottesbild hinein. Das tut unser Haus hüten und unser Glück! Aber schau nur, das Anwesen da drüben, das hast du noch gar nit gesehen! Da kommen zwei Pferd hinein, hat er gesagt, und vier Küh, daß wir Milch haben, grad was wir brauchen. Und, du —“ Sie schlug die Hände ineinander, und ihre Augen gingen über vor Entzücken. „Du! Das Kucherl muß ich dir zeigen! Ich sag dir, da glänzet alles vor lauter Kupferzeug! So komm doch, komm —“
Mit beiden Händen faßte sie seinen Arm und zog ihn zur Tür hinein.
Im dämmerigen Hausflur stand er still und preßte die Fäuste auf die Brust.
Noch immer begriff er nicht. Aber eines schien er doch endlich zu glauben: daß wirklich und leibhaftig sein Mädchen vor ihm stand. Und plötzlich, unter stammelndem Laut, umschlang er Gittli mit heißem Kuß.
Draußen stand der Propst neben dem schweigsamen Chorherren.
„Komm, Dietwald!“ sagte Herr Heinrich lachend. „Den Kuß warten wir nicht ab, bis er ein Ende nimmt. Komm, laß uns gehen! Sie sollen diese Stunde für sich allein haben. Wenn sie so weit aus ihrem seligen Rausch erwachen, um nach einem Dritten fragen zu können, dann suchen sie dich schon.“
Noch lange hing Desertus mit den Augen an der Tür, bis er sich loszureißen vermochte, um dem Propst zu folgen. Zwischen goldig leuchtenden Hecken schritten sie der Straße zu. Weiß glänzte ihnen im Sonnenschein der See entgegen.