„Ein schönes Bild! Komm, wir wollen rasten!“
Aus dem Fuß eines Hügels, der dicht an die Straße reichte, schob sich eine Felsplatte gleich einer Bank hervor. Hier ließen sie sich nieder. Kleine Schatten und große Lichter zitterten auf der Erde, denn durch die halbentlaubten Bäume fand die Sonne fast freien Weg. Ein leichter Windhauch raschelte durch alles Gezweig, und langsam, wie in gaukelndem Spiel, fielen die welken Blätter. Mit stillen Augen betrachtete Desertus ihren lautlosen Fall.
Herr Heinrich fragte: „Stimmt es dich trübe, daß die Blätter fallen?“
„Nein, Herr, der Winter kommt nur, um den Frühling zu bringen!“
„So? Es gab eine Zeit, da du sagtest: der Sommer blüht nur, damit seine Blust vom Winter verschüttet werde unter Schnee und Eis!“
Desertus preßte die Hände auf seine tiefatmende Brust. „Mein Auge ist sehend worden. Ich fühle die Sonne wieder, und Schatten um Schatten weicht von mir. Vor dem holden Antlitz meines Kindes löst sich aller Jammer meines Lebens in süßen Trost, und in Verklärung schweben die Gestalten der Verlorenen um mich her.“
Herr Heinrich lächelte. „Ist alles Geschehene denn anders geworden?“
„Nein, Herr, aber ich seh es mit anderen Augen. Glaubet mir, so tief, wie ich, hat noch kein Mensch erfahren, daß wir nicht leben können, wenn wir die Sonne nicht suchen, und daß uns zum Leben so nötig, wie Luft und Brot, noch ein drittes ist: Das helle Sehen!“
„Eine schöne Wahrheit, Dietwald! Aber sie ist nicht neu. Das hat vor mir und dir schon ein anderer gesagt, der allen Schmerz des Lebens fühlte und dennoch die Liebe nicht verlor. Besinne dich: Matthäus, 6. Kapitel, 22. Vers!“
Mit leiser Stimme sprach Pater Desertus die Worte der Bergpredigt vor sich hin: „Dein Auge sei deines Lebens Leuchte. Ist nur dein Auge lauter, so wird auch dein Leben in der Helle wandeln. Ist aber die Finsternis in dir, und dein Auge sieht finster, so wird auch die Finsternis dich umgeben auf allen Seiten.“ Er faßte die Hände des Propstes und stammelte: „Herr! Nehmet meinen Namen von mir! Ich will nicht länger Desertus heißen.“