„Sooo? Natürlich! Die liebe, gute Sonne muß auch schon herhalten für die Eitelkeit der Weibsleut. Und ich, der Vogt, muß mich abgeben mit solchen dummen Geschichten. Warum ist dein Bruder nicht selber gekommen? Warum will er nicht zahlen?“
„Ach, Herr Vogt, mein Bruder muß ja von früh bis in die sinkende Nacht im Sudhaus stehen. Und er möcht doch zahlen, wenn er nur könnt. Aber er hat ein krankes Kind daheim, und sein Weib ist siech geworden, wie der Winter kam. Dreimal in der Woch muß die Schwährin Fleisch essen, und neulich haben wir Wein kaufen müssen, weil sie gar so schwach und elend ist.“
„So? So?“ knurrte Herr Schluttemann. „Und warum kommt man nicht zu mir und holt sich einen Armenzettel? Und warum geht man nicht zum Armenvater und holt sich Fleisch und Wein und kräftige Süpplen? Das Kloster hat’s doch, und das Kloster gibt. Donnerwetter noch einmal! Warum nicht?“
„Ach, Herr Vogt!“ Träne um Träne kollerte über Gittlis zuckende Wangen. „Ich hätt es ja gern getan. Tät ich doch alles für die Schwährin und das liebe Bäslein. Aber der Bruder will’s nit leiden. Er sagt immer, daß er ein Mensch ist, der schaffen und verdienen kann. Und ein Kriegsmann ist er doch auch einmal gewesen. Und er will’s nit leiden, daß ich mich unter die Bettelleut stell. Und er könnt’s nit hören, wenn man uns Hungerleider schimpft oder Schnappsäck.“
„So? So? Natürlich! Not und Elend hint und vorn! Aber stolz! Nur stolz! Und die Nase hinauf in den Wind! Das wär mir das Richtige! Warte nur, warte, ich will deinem Bruder den Hochmut austreiben! Sag deinem Bruder: wenn er nicht zahlt am Ostermontag, dann setzt es ein Donnerwetter. Das Lehen laß ich ihm wegnehmen und geb’s einem andern. Ja, das tu ich! Gott soll mich strafen!“
Gittli erblaßte, und ihre Knie drohten zu brechen.
Herr Schluttemann wetterte weiter: „Das wär mir das Wahre! Nicht zahlen wollen! Natürlich! Da käm dann einer um den andern, zuerst die Lehensleut, und dann die Zinsbauern, und dann die Salzkäufer. Und die frommen Patres und Fratres, die auch leben müssen, könnten sich den Hals an den Bindfaden hängen und Luft schnappen. Oho!“ Herr Schluttemann wollte der Tischplatte eins versetzen mit der Faust, aber mitten im Schwung hielt er inne; auch Gittli erschrak und fuhr mit der Hand an die Kehle, als ginge ihr der Atem aus. Die beiden hatten zu gleicher Zeit bemerkt, daß sie nicht mehr zu zweien in der Stube waren.
Vor ihnen stand die hohe Gestalt eines Priesters; über dem weißen Talar, dessen Skapulier mit violetter Stickerei umsäumt war, hing an goldener Kette ein funkelndes Kreuz, halb verschleiert durch die dünnen Strähnen des grauen Bartes; ein violettes Käpplein deckte den Scheitel; unter der knöchernen, hart modellierten Stirne ragten die buschigen Brauen hervor wie kleine Dächer über den Augen; aber das Gesicht hatte keinen finsteren Zug; es war männlich ernst und dennoch milde.
Herr Schluttemann verbeugte sich; denn dieser Priester vor ihm, das war Herr Heinrich von Inzing, der Propst zu Berchtesgaden.
„Reverendissime!“ sagte Herr Schluttemann und verbeugte sich abermals. „Kein Ende, Reverendissime, kein Ende mit Zorn und Ärger! Die Luft könnte einem ausgehen vor Gift und Galle! Da ist wieder so eine Dirn —“