Ein Zittern fiel über Sephas Glieder, in ihrem Gesicht erstarrte die Angst jeden Zug, nur die Arme konnte sie strecken, aber ihre Füße waren auf der Diele wie festgewurzelt.

„Hier ist keine Hilfe mehr. Es müßte denn sein, daß Herr Jesus in diese Stube träte und zu deinem holden Kinde spräche wie zur Tochter des Jairus: Steh auf und lebe!“

Gittli erbleichte. Und Sepha rang nach Atem, aber noch immer wollte sie nicht fassen, was geschehen.

„Ach, guter Pater,“ stammelte das Mädchen, „schauet nur hin, es lachet ja, es lachet!“

„Das Lächeln der Erlösung!“ Und Sephas Hand erfassend, sagte er: „Dein Kind ist heimgegangen zu seinem Schöpfer.“

„Ach du lieber Gott!“ schrie Gittli schluchzend auf. Wie von Sinnen stürzte sie zum Bett, doch ehe sie es erreichte, brachen ihr schon die Knie, auf den Knien rutschte sie weiter, schluchzend und schreiend, und mit Gesicht und Armen warf sie sich über die Füße ihres entschlafenen Lieblings: „Schatzi, mein Schatzi!“ In heißem Weinen erstickten ihre Worte.

Sepha stand noch immer wie ein steinernes Bild. Nun rang es sich mit gellendem Schrei von ihren Lippen: „Mein Kind!“ Mit beiden Fäusten stieß sie den Priester von sich, faßte mit zuckenden Händen das Kind, riß es halb aus den Kissen und rüttelte das zarte, wachsbleiche Körperchen. Ihre Glieder erlahmten, starr quollen die Augen aus dem von Schmerz verzerrten Gesicht, und mit stöhnendem Laut, wie das gehetzte Wild ihn ausstößt, wenn es niederbricht inmitten der Meute, sank sie über das Bett, das Kind umklammernd: „Kann denn unser Herrgott so was zulassen! Mein Kind! Mein Kind! So was — so was muß über mich kommen! Warum denn? Warum denn? Warum denn?“

„Warum? Du armes Weib!“ Pater Desertus legte die Hand auf Sephas zuckende Schulter. „Tausende und Abertausende vor dir haben diese Frage schon hinausgeschrien aus brennendem Herzen, und keinem noch ist Antwort gekommen, nicht aus der Höhe, noch aus der Tiefe. Warum? Auf frühlingsgrüner Wiese steht eine Blume, hold und lieblich in ihren reinen Farben, in ihrem süßen Duft, wie ein gütiger Gedanke Gottes, der zur Erde niederflog und Wurzel schlug, um zu weilen als eine Freude der Menschen. Da kommt die Nacht mit ihrem tötenden Reif. Und ein Tier zieht über die Weide und tritt mit fühllosem Huf die erfrorene Blume in den Kot. Warum? Auf sonniger Halde steht ein Baum, gesund und strotzend von Kraft. Er hat geblüht in zahllosen Kelchen, und nahe schon ist die Zeit, da er für treue Pflege danken will mit köstlichen Früchten. Doch vor der Ernte kommt der Sturm, ein Stoß nur, und der schöne stolze Baum liegt auf der Erde, verwüstet und gebrochen! Warum? Warum? Im weiten Feld steht die reifende Saat, getränkt vom Schweiße hoffender Menschen. Der Hagel vernichtet sie. Warum? In freundlichem Tal steht Hütte an Hütte, zufriedene, lachende Menschen unter jedem Dach. Da brechen am Bergsee die steinernen Dämme, eine Stunde nur, und Trümmer und Leichen bedecken das Tal. Warum? Redlichen Sinnes zieht ein guter Mensch seines Weges, sein Blick ist Treue, und Liebe jeder Schlag seines Herzens. Da fallen die Wölfe über ihn her, oder ein Blitz erschlägt ihn, oder eine Brücke weicht unter seinem Fuß. Warum? Es steht eine herrliche Burg, fest und stolz —“ Die Stimme des Chorherren verwandelte sich, klang dumpf und heiser. „In ihren Mauern wohnt das Glück, rein und heilig, wie es noch je hervorgegangen aus Gottes Hand. Aus ihren Toren zieht ein glückseliger Mann. Und da er wiederkehrt, dürstend nach dem Anblick seines Weibes, nach den süßen Augen seiner Kinder, findet er nur rauchenden Schutt und verkohlte Gebeine. Warum? Warum? Warum?“

Sepha richtete sich auf, verschlang die Hände, und zu dem Priester aufblickend, alle Verzweiflung ihres Herzens im Auge, schluchzte sie: „Ach Herr, redet doch nit so grausam und hart zu mir, sagt mir doch ein Wort des Trostes, nur ein einziges Wort!“

„Ich weiß dir keinen Trost, ich sehe dein Kind und finde keinen. Nur eine Wahrheit kann ich dir sagen, die ich erkannte mit blutendem Herzen: wer lebt, muß leiden, wer lacht, wird weinen müssen, und verlieren, wer besitzt!“