„Ich mein’, es schlaft!“ flüsterte Gittli. Und dann plötzlich kam ihr ein Gedanke: „Seph, ich lauf ins Kloster hinauf. Meinst du nit, es wär gut, wenn ein Pater beten tät?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, eilte sie in ihre Kammer, schlüpfte in die Schuhe, zog eine Jacke über, streifte mit flüchtigem Kuß die rote Wange des Buben, der in ihrem Bette schlief wie ein Murmeltier, und rannte aus dem Hause.

Als sie die Straße erreichte, sah sie zwischen den Bäumen einen Chorherren des Weges kommen. Den hatte ihr der liebe Gott geschickt, so meinte sie. „Herr Pater, Herr Pater!“ rief sie und winkte ihm zu. Nun stand er vor ihr — Pater Desertus, der Fischmeister; er hatte im Kloster die Frühmesse gelesen und wollte heimkehren in seine Klause.

Gittli erschrak, da sie ihn erkannte. Sie zögerte, nur einen Augenblick, dann trat sie auf ihn zu, mit bittend erhobenen Händen, die Augen naß von Tränen.

Dunkle Röte flog über seine bleichen Züge, seine Augen flammten, und wie in heißer Sorge streckte er die Hände nach ihr und fragte: „Mädchen, was ist dir? Weshalb weinst du?“

„Ach, Herr Pater, wir haben ein krankes Kind daheim, ich bitt Euch, kommet mit mir und betet für das arme Würml!“

„Beten?“ Über die Lippen des Priesters irrte ein Lächeln, das Gittli nicht zu deuten vermochte. Scheu wich sie vor ihm zurück. Er faßte ihre Hand und sagte: „Komm! Wir wollen sehen, was zu helfen ist.“

Sie wollte seine Rechte küssen, doch er wehrte es fast erschrocken. „Führe mich!“ sagte er und folgte ihr mit raschen Schritten; dabei verwandte er keinen Blick von ihrem Gesicht, immer wieder schüttelte er den Kopf, als könnte er irgend etwas, das ihn zu bewegen schien in seinem tiefsten Innern, nicht fassen und begreifen.

Nun erreichten sie die Haustür, und da ließ er die Hand des Mädchens und fuhr sich über die Stirn, wie um etwas von sich abzustreifen, was er nicht über die Schwelle tragen wollte.

Gittli bekreuzte sich, als der Chorherr ihr voran in die Stube schritt. Sepha erhob sich vom Bett und zog sich scheu in einen Winkel zurück; Gittli blieb mit gefalteten Händen an der Tür stehen, und so folgten die beiden Frauen mit brennenden Augen jeder Bewegung des Priesters, der neben dem Bette stand, tief über das regungslose, lächelnde Kind gebeugt.

Nun richtete er sich auf, schwer atmend, und sein Antlitz schien noch blässer geworden. Mit wehmutsvollem Blick suchten seine Augen die Mutter. „Komm her zu deinem Kinde!“ sagte er mit leiser, schwankender Stimme.