Ein lateinisches Gebet, zwei sich kreuzende Striche mit dem tropfenden Weihwedel, und Kaplan und Mesner gingen wieder davon. Eine Armeleutleich ist immer schnell abgetan. Der Totengräber stieß die Schaufel in die Erde. „Kann ich anfangen?“
Wolfrat nickte. Doch als der Mann die ersten Schollen schwer in die Grube fallen ließ, faßte Wolfrat den Stiel der Schaufel. „So tu doch nit so grob!“
„Ich muß mich tummeln, in einer Stund kommt schon wieder ein anderer. Jetzt sterben die Leut wie närrisch.“
„So laß mir die Schaufel!“
„Meintwegen! Hast du die drei Heller?“
Wolfrat griff in die Tasche und zog eine Handvoll blinkender Münzen hervor. „Da schau her!“ sagte er mit heiserem Lachen. „Geld hab ich wie Mist!“ Und statt der drei Heller, die der Mann nach dem klösterlichen Weistum zu fordern hatte, bezahlte Wolfrat einen halben Schilling. „Nimm nur! Ein bißl was muß das Kind doch auch davon haben.“ Wieder lachte Wolfrat; aber sein Gesicht verzerrte sich, und seine Hände zitterten.
Kopfschüttelnd ging der Totengräber davon. „Ist das aber einer! Der kann lachen, wenn er sein Kindl eingrabt.“
Wolfrat faßte die Schaufel und legte Scholle um Scholle achtsam in das kleine Grab. Bei der ersten Scholle sagte er: „Von der Mutter!“ Bei der zweiten: „Vom Vater!“ Bei der dritten: „Vom Lippele!“ Dann schaufelte er schweigend weiter. Weshalb vermied er es, auch in Gittlis Namen dem Kind eine Scholle als letzten Gruß zu spenden? Es sollen nach altem Brauch in ein sich schließendes Grab doch alle eine Scholle legen, die eines Stammes sind? War die Schwester für ihn tot, seit er in finsterer Stunde erfahren mußte, daß ihrem Herzen das Schicksal eines Fremden näher stand, als Wohl und Wehe ihres leiblichen Bruders?
Der Hügel über dem Grabe war vollendet. Wolfrat stieß die Schaufel in die Erde, und nun stand er lange, lange, den Kopf auf die Brust gesenkt, zwischen den zuckenden Fingern die Kappe drehend. Beten konnte er nicht. Er tat einen schweren Atemzug und bedeckte das Haupt.
„Mußt nit lang warten, Katzl! Paß nur auf, es kommt schon eins ums ander! Die Mutter und ich, und —“ Nein, den Namen seines Buben brachte er nicht über die Lippen.