Sie schüttelte den Kopf. „Mein Gott, ein Kind! Ich glaub, er spürt’s gar nit, daß eins fehlt im Haus.“

„Könnt eins doch allweil ein Kind bleiben! Da ist jeder Tag ein ganzes Leben. Nachher schlafst du und fangst wieder ein neues an.“ Wolfrat erhob sich und stieß die Kammertür auf; als er den Raum leer fand, fuhr ihm ein Fluch über die Lippen.

„Polzer, Polzer!“ stammelte Seph. „So sei doch froh, daß die Dirn noch allweil nit daheim ist. Ich mein’, das wär ein gutes Zeichen. Sie wird ihn lebendig gefunden haben. Polzer, Polzer! Wenn das wahr sein könnt! Wenn er davon käm! Wär das ein Glück!“ Schluchzend hob sie die Hände gegen den Himmel. „O du grundgütiger Herrgott, schau, nur grad das Einzige tu für uns!“

„Ja, ja, nur grad das Einzige!“ fiel Wolfrat mit heiserem Lachen ein. „Daß er wieder aufkommt, daß er herstehen kann vor mich und den Arm strecken und sagen: ‚Der da war’s!‘ Wär das ein Glück! Geh, Seph, brauchst dich nimmer sorgen, es wird schon so kommen. Die Dirn wird schon helfen dazu. Und wenn sie ihn lebig gefunden hat, wird sie ihn hascheln und päppeln, und wird reden für ihn und wird’s halten mit ihm gegen uns.“

„Polzer! Wie kannst du so von deiner Schwester reden?“

„Schwester!“ lachte Wolfrat zornig auf. „Ich hätt gemeint, sie wär angewachsen an uns. Aber Blut ist Blut. Sie will hoch hinaus. Hat sich aber doch vergriffen. Wenn er auch gleich eine Feder auf der Kappen tragt und ein Schießzeug führt wie ein Herrischer, er ist halt doch nur ein Knecht.“ Wieder lachte er. „Sie soll ihn haben! Und wenn sie drinsitzt in seiner Keuschen, nachher sag ich ihr’s.“

Sepha schaute ihn mit großen Augen an; sie verstand nicht, was er redete. „Was, Polzer, was willst du ihr sagen?“

Er wandte sich ab und tat, als hätte er ihre Frage nicht gehört.

„Polzer?“

„Laß mich in Fried mit der Dirn! Sie hat mein Brot gegessen und schickt mir zum Vergeltsgott den Freimann über den Hals.“