Das Bild dieser Menschen und die ganze Landschaft mutet germanisch an, und überall an der Straße reden die Wirtshausschilder eine Sprache, die ein Deutscher versteht, auch ohne daß er Flämisch lernte: »In 't wite Kruis« (Zum weißen Kreuz), »De dree Linden«, »De niuwe meiboom«, »Vlaamsh bierhuis«, »De Zomerbloem« (das Sommerblümchen), und ganz besonders freundlich grüßt mich ein Schild: »De landgenoot« – der Landsmann!
Eine doppelte Freude ist in mir: die Freude, auf germanischem Boden zu sein, und die Freude, nach Bildern des Krieges, die ich sah, nun wieder – wenn auch nur für ein kurzes Aufatmen – friedliche Bilder des Lebens schauen zu dürfen.
Nun geht die Fahrt den schönen, gut gepflegten Wäldern entgegen, hinter denen Brügge liegt, die matt gewordene Perle einer großen flandrischen Vergangenheit.
Wie wird sich auf diesem historischen Boden die Zukunft gestalten? Wird unter kraftvoller Führung wieder aufblühen, was Jahrhunderte politischer Zerrissenheit versinken ließen und in wehrloser Ohnmacht der fortschreitenden Versandung preisgaben? Ist der Krieg nur Vernichtung? Regen sich in ihm nicht auch Kräfte, die beleben, erneuern und frisch erschaffen?
Ich schließe die Augen; alle die mächtigen, Herz und Nerven erschütternden Gesichte der letzten Tage gleiten wieder an meiner Seele vorüber, und inmitten dieses huschenden Panoramas von Zerstörung und Vernichtung klingt mir, gleich einer wegweisenden Glocke, das Verheißungswort einer klaren und ruhigen Mannsstimme:
»Der Krieg ist hart, aber er wird auch Großes bringen. Alles Starke, wenn es gerecht ist, muß sich belohnen. Wir haben noch immer schwere Arbeit zu leisten, doch ich glaube, daß das Schwerste bereits getan ist.«
Diese Worte hörte ich von jenem deutschen Heerführer, dem wir seit der Erlösungsschlacht in den Vogesen begeisterte Dankbarkeit und ein erhöhtes Maß von Verehrung entgegenbringen, und der auch in den schmerzvollen Stunden schwerster menschlicher Prüfung ein aufrechter Held blieb und das stählerne Wort von der Zeit sprach, in der man handeln muß und nicht trauern darf.
Die Bilderflucht meines Erinnerns zeigt mir das Quartier des jungen siegreichen Heerführers, des Kronprinzen Rupprecht von Bayern.
Still die Straße, still der Garten, auch still das Haus.
Die mahnende Stimme eines unsichtbaren Hüters scheint da immer zu flüstern: »Nicht laut sein, nicht stören!«