Der Kronprinz lächelte.

»Politische Moral ist ein Fremdwort. Es kommt nur darauf an, wie man's übersetzt. Bei uns Deutschen heißt es ›Gewissen‹, bei den Engländern heißt es ›Erfolg‹. Unter allen Völkern sind die Engländer in der Politik am brutalsten. Aber man kann nicht leugnen, daß sie mit dieser gegen alle Völker gleich rücksichtslosen Brutalität eine häufig sehr erfolgreiche Nüchternheit beim Rechnen vereinigen. Doch passiert es manchmal auch diesen gewiegten Rechnern, daß sie theoretisch das für ihren Vorteil Richtige erkennen und in der Praxis das Falsche, ihnen Schädliche ausführen. Ich glaube, so geht es ihnen jetzt. In uns Deutschen wohnen Kräfte, die für die Engländer am 4. August noch eine dunkle Ziffer waren. Darum haben sie sich verrechnet.«

Wir sprachen von der psychischen Erneuerung, die der Krieg und die Größe seiner deutschen Ziele in den Lebenskräften und im Wesen unseres Volkes hervorrufen; und sprachen auch von den materiellen Härten, durch die der Krieg eine große Zahl von Existenzen erschüttert.

»Allen schwer erträglichen Härten zum Trotz ist dieser Krieg ein Gesundbrunnen für unser Volk!« Die Stimme des Kronprinzen hob sich. »Alles Gute und Lebensfähige stärkt er, alles Schwächliche belebt er neu, alles hilflos Ungesunde bläst er fort. Richtet sich nicht viel Wertvolles jetzt wieder auf, von dem man im letzten Jahrzehnt besorgen konnte, daß es für immer lahm geworden wäre?

Alles Angekränkelte, das sich vordrängte, verschwindet. Man ist jetzt in der Heimat doch wohl erlöst von allem überreizten Ästhetentum und aller manierierten Dekadenz!

Wegen solcher Dinge hat man sich übrigens viel mehr Sorge gemacht als notwendig war. Gar so arg, wie es für manche aussah, war es nicht. Die frische, prachtvolle Jugend, die jetzt mit den Rekrutennachschüben ins Feld kommt, beweist es mir. Solche Menschheitskrankheiten sind Wellen, die kommen und vergehen. Im großen und ganzen ist es meine Überzeugung, daß der Mensch immer der gleiche bleibt, sich nur in seinen äußerlichen Lebensmodalitäten ändert, gestern zum Schlechteren, heut wieder zum Besseren.

Und dann kommt es auch darauf an, ob man solche Erscheinungen mit alten oder mit jungen Augen ansieht. Alte Augen sehen das Vergängliche schärfer, junge Augen erkennen deutlicher das neue Werden. Auch liegt es immer im Wesen der Menschen, zu hoffen, daß das Kommende besser sein wird als das Gegenwärtige ist, und zu glauben, daß das Gegenwärtige schlechter ist als das Vergangene war. Jede Entfernung verklärt. Und wie in rein menschlichen Fragen, so ist es auch in politischen Dingen.

Ich habe alte Männer oft sagen hören: Im Jahre 70/71 wäre es nicht so gewesen wie in den Befreiungskriegen, nicht so groß, einheitlich und heilig. Und jetzt sagen die Altgewordenen: So wie es 70/71 war, so ist es heute nicht, weder so heilig noch so groß.

Ich glaube, es war vor hundert Jahren und vor fünfundvierzig Jahren und im vergangenen August ganz das gleiche: deutsche Kraft, die sich aufstreckte in der Not, deutscher Wille, der zu Eisen wurde, und deutsche Energie, die sich nicht beugen läßt und beharrlich bleibt, ohne im Glück übermütig oder unter einem Rückschlag verzagt zu werden.«

Ein freies, ruhiges Auflachen des Prinzen. Dann ein kurzes, nachdenkliches Schweigen.