Bei der Tafel, deren paar Gänge die heimatliche Küche durch gefüllte Kalbsbrust und echt Münchnerischen Kartoffelsalat angenehm in Erinnerung bringen, herrscht der gleiche, aus Ruhe und Heiterkeit gemischte Ton. Flattert ein munteres Wort auf, ein kleiner Scherz, so schmunzelt man. Dann wird wieder ernst von den militärischen Dingen des Tages gesprochen.
Nach der Mahlzeit, bei der Zigarre, ist alles Soldatische vom Gespräche ausgeschieden. Das berührt wie eine unausgesprochene Verabredung: man will aufatmen, will Gehirn und Nerven rasten lassen, will sich erfrischen an einem herzlichen und wohltuenden Lachen. Man plaudert von daheim, von freundlichen Vergangenheiten. Eine Wendung im Gespräch bringt es, daß der Kronprinz mit Humor und voll wirksamer Anschaulichkeit von allerlei tollem Übermut zu plaudern beginnt, von manchem lustigen Streich seiner Jugendjahre. Doch immer bleibt in dieser sprudelnden Heiterkeit etwas ernst Verschleiertes, eine verhüllte Sehnsucht, die man empfindet, obwohl sie sich nie mit einem Worte äußert. Und manchmal, nach lebhaftem Erzählen, wird er plötzlich stumm, und die blaugrauen Augen blicken ernst, als möchten sie die Schrift einer weiten Ferne lesen. –
Zwei Offiziere kommen. Der Kronprinz erhebt sich.
»Ich habe noch zu tun!«
Mit herzlichem Händedruck verabschiedet er sich von jedem seiner Gäste.
Mehrere Tage später. Ich kam in die Villa, um mich vor meiner weiteren Fahrt für das freundliche Entgegenkommen zu bedanken, das mir so viel gegeben, mir eine fast unbeschreibliche Fülle von Bildern dieses großen Ringens um Leben und freie Zukunft des Deutschtums gezeigt hatte.
Ein Schimmer linder Frühlingssonne glänzte um die hohen Fenster des Empiresalons, während der Kronprinz mit mir sprach. Den Inhalt dieser Stunde will ich fest bewahren. Vieles, was ich hörte, muß ich in mir verschließen; manches darf ich sagen und muß es sagen, weil es für das Leben in der Heimat wegweisend, aufklärend und hilfreich ist.
Ein stolzes Aufleuchten in den blaugrauen Augen des Kronprinzen.
»Unser Heer! Das ist ein Menschenmaterial, mit dem man alles, auch das fast unmöglich Scheinende leisten kann, wenn man es richtig macht und die rechte Stunde wählt. Die wird kommen. Man darf nur in der Heimat den Erscheinungen gegenüber, welche durch die Lage der Dinge hier verursacht werden, nicht allzu kritisch sein. Die Situation ist für uns eine ganz verläßliche. Daheim beurteilt man das nicht immer in zutreffender Weise. Wenn wir von der Heimat Geduld und gläubiges Ausharren erwarten, dann verlangen wir weniger, als wir selbst im Felde hier zu leisten haben. Glauben Sie mir, wir im Felde hier, besonders wir Führer, liefern Geduldproben, mit denen die doch wesentlich ungefährlichere Geduld, die man in der Heimat beizusteuern hat, den Vergleich nicht aushält.«
Ich kam auf die Skrupellosigkeit unserer Feinde in der Wahl ihrer Kampfmittel und ihrer politischen Schachzüge zu sprechen.