Schön und strahlend, die lächelnde Mutter eines klaren, eines wundervoll milden Frühlingsmorgens, steigt sie über den blauen, wolkenlosen Himmel empor. Wolkenlos? Nein! Überall puffen schon wieder die kleinen weißen Himmelsschäflein der Schrapnellgeschosse auf, die hinter einem Flieger hertasten. Immer dröhnt und knattert es. Auch die gröberen Kaliber der feindlichen Geschütze rühren sich – es ist halb neun Uhr vorüber, die Franzosen haben gefrühstückt – und immer näher brüllen die Granatenschläge. Aber alle die zerrissenen Bäume und Hecken des gestorbenen Dorfes funkeln von Sonne, um alle Ruinenzähne und Dachstumpen webt sich ein feines Geglitzer, und wo die verwesenden Viehkadaver liegen und auseinanderfließen wie abscheuliche Käslaibe im letzten Stadium ihres Daseins, da blühen Schneeglöckchen und Gänseblümchen und Aurikeln.
Ein ohrzerreißender Donner dröhnt hinter einer Hausruine, die nur fünfzig Meter von uns entfernt liegt. Rauch wirbelt auf, Dreck fliegt empor und Steine spritzen. Ein sonderbarer Geruch. Und eine verkohlte Mauer, die da drüben gestanden, fällt langsam und ohne viel Lärm in sich zusammen. Eine feste deutsche Offiziershand faßt meinen Arm: »Wir müssen gehen. Ich bin verantwortlich.« Da hilft keine Bitte. Und kaum sind wir ein paar hundert Schritte weit gekommen, so geht hinter uns ein Gedonner los, wie wir's im Frieden manchmal erleben können beim Schlußeffekt eines festlichen Feuerwerkes. Die Feldgrauen nennen diese lärmende Sache »das tägliche Morgenbrot«. Und seit die Franzosen ihr Quantum amerikanischer Munition gefaßt haben, verabreichen sie dieses Frühstück in reichlichen Portionen. Vor und hinter dem deutschen Schützengraben wachsen ganze Alleen von Rauchbäumen, die sich in Dunsthecken verwandeln. Das kostet viel und macht nur geringen Schaden. Drum antworten unsere Geschütze nur ab und zu mit einer von den belgischen Granaten, die wir billig bekommen.
Ich schaue zurück. Die Ruinen des Dorfes sind umschleiert von Staub und Rauchgewirbel.
Über den Kamm einer Feldhöhe müssen wir flink hinüberspringen. Dann sind wir wieder in dem Dorf, in dem ich übernachtete. Es ist noch leidlich erhalten, obwohl schon zahlreiche Dächer fehlen. Im Hof eines Bauernhauses sehe ich eine merkwürdige Sache liegen: eine große, viele Zentner schwere Kirchenglocke. Auf meinen fragenden Blick zeigt mir der führende Offizier einen gewaltigen Trümmerhaufen, so formlos, daß ich nimmer zu erkennen vermag, was da in Schutt versank. Dieser Berg von Steinen, von Staub und Mörtel, war einmal eine schöne französische Kirche. Nachdem die Deutschen das Dorf erobert hatten, richteten die Franzosen dieses, ihr eigenes Gotteshaus so zu, daß man die Ruine sprengen mußte, wenn nicht durch den drohenden Einsturz deutsche Soldaten erschlagen werden sollten. Vor der Sprengung bargen die Deutschen mit Lebensgefahr alle Kirchengeräte und übergaben sie dem Pfarramt des Nachbardorfes. Aus dem Schutthaufen des Turmes gruben sie auch noch die große Glocke heraus und rollten sie bis zum Gehöft des Bürgermeisters. – Wo bleiben die Proteste der Herren Spitteler und Hodler? Den beiden sollte man eine Freifahrt nach Roye gewähren, wo die Engländer eine alte, herrliche Kathedrale völlig zwecklos ohne militärische Notwendigkeit in ein steinernes Sieb verwandelten, nur aus dem einzigen Grunde: weil sie so miserabel schossen, daß sie wohl immer wußten, wohin sie zielten, aber nie, wohin sie trafen.
Eine jagende Heimfahrt über das von Sonne schimmernde Land. Schon umdunstet sich der Westen wieder, alles Leuchtende verschwindet und der Wind wird rauh. Ehe die huschenden Regenschleier die ganze Ferne umhüllen, seh' ich für einige Minuten die Türme von Arras herauftauchen und sehe das von Erdwällen durchschnittene Kampfgelände, wo fast jede Bodenscholle für einen kommenden Frühling mit Blut gedüngt ist, mit deutschem Blut und noch mehr mit feindlichem. Die schon im Grau verschwindenden Hügel da drüben? Das ist die Stätte des deutschen Sieges vom 3. März. Dort wurden die Sechshundert gefangen, denen die Bewohner von Lille in einer halb tragischen und halb grotesken Verwechslung der Begriffe so glückselig zujubelten, als wäre Frankreich erlöst und gerettet. Dieses Ereignis bekam noch ein sonderbares, für die Lage der Dinge sehr charakteristisches Nachspiel. Am Tage nach dem für die Deutschen siegreichen Gefechte stellten sich bei einem von unseren Schützengräben sechsundzwanzig mongolische Überläufer vom Stamme der Afridi ein. Das ist der kriegstüchtigste unter den asiatischen Gebirgsstämmen des britischen Weltreiches. Die Männer dieses Stammes lieben nichts auf der Welt so heiß und begehrlich wie eine gute Waffe. Für ein scharfschießendes Gewehr und eine feste Stahlklinge geben sie Haus und Weib als Kaufpreis. Und nun kamen diese Sechsundzwanzig, ergaben sich den Deutschen und sagten dem Dolmetsch: sie hätten erkannt, daß die deutschen Waffen besser wären als die englischen und französischen; man solle ihnen diese herrlichen deutschen Lanzen, Schwerter und Gewehre geben, dann würden sie mit diesen siegreichen Waffen für Deutschland fechten!
Das Geschäft war nicht zu machen. Unmöglich!
Die Engländer – ich bin überzeugt davon – hätten umgekehrten Falles diesen Waffenhandel ohne viel Zögern abgeschlossen.
3.
Tagebuchblätter
vom 22. Februar bis 9. März 1915
Bei den Güterhallen und Plätzen von Avesnes sah ich ein fesselndes Arbeitsbild. Alles hilft da in Eintracht zusammen, Freund und Feind. Unsere Feldgrauen plagen sich in Soldatentreue zum Vorteil des Vaterlandes, die Einheimischen ums tägliche Mittagessen, das viele von ihnen nicht hätten, wenn sie sich's nicht bei der deutschen Armee verdienen könnten. Auch nur ums liebe Brot, versüßt durch zahlreiche Leckerbissen, arbeitet dabei eine kluge und fleißige, rührend gutmütige, aber unglaublich robuste junge Dame von achtzehn Jahren mit. Sie ist auch überaus sittsam. Es wurde mir amtlich versichert, daß sie bislang noch immer ihren jungfräulichen Stand bewahrte, obwohl sie sich schon seit längerer Zeit in Frankreich befindet. Ihre Wohlerzogenheit ist unbeschreiblich. Mit vorsichtiger Zartheit frißt sie jedem Freunde und Feinde aus der Hand, bittet mit dem Füßchen (Schuhnummer 217) um ein Stückelchen Zucker und bedankt sich dafür durch ein auf hundert Schritte noch deutlich hörbares Geklapper mit den Ohrlappen und durch eine graziöse Neigung des schlanknäsigen Köpfchens, dessen Hutweite 336 Zentimeter betragen würde.
Wer es nur immer wünscht, kann dieser Dame auf den Buckel steigen, ohne daß sie dazu auffordert. Und ohne die geringste Einwendung dagegen zu erheben, läßt sie einen ausgewachsenen Mann auf ihrem jungfräulichen Nacken reiten. Alle Geduld und Güte ihrer keuschen Mädchenseele ist am deutlichsten zu erkennen, wenn man sie von hinten betrachtet – da ist jede Bewegung und Riesenform die personifizierte Sanftmut! Aber noch viel unbeschreiblicher als der Reichtum ihres Gemütes sind die erstaunlichen Arbeitsleistungen dieser Dame. In einer Stunde erledigt sie, was hundert Packträger an einem ganzen Tage nicht fertig brächten. Mit ihrem Schnäbelchen, das einem Gigantenfinger ähnlich ist, hebt sie die zentnerschweren Proviantkisten wie Zündholzschachteln und schwingt die Getreidesäcke spielend in die Eisenbahnwagen.