Und dieses Graue da drüben über dem Strom, dieses Leblose, von jedem Atemzug Verlassene, dieses Zerrissene und Zerfetzte, dieses widersinnnig Ausgefranste, durchschlungen von rauchschwarzen Zerrbildern? Was ist das? Wie ein anderes Pompeji sieht es aus, nur ohne Tempel und Säulen, alle Ruinen zu einem grauenhaften Schutthaufen übereinandergerüttelt durch ein neues Erdbeben?

Das ist Donchery gewesen, um dessen Mauern einer der härtesten Kämpfe tobte.

Heimat, Heimat, wehre dich mit allen Kräften deines Volkes, mit jeder Waffe deines Heeres und jedem Opfer deiner Bürger, um solch ein Furchtbares von dir abzuwenden! Dieses Grauen hat mit der Übermacht der Feinde schon hereingezüngelt über unsere Grenzen. Es soll nicht weiterschreiten, wir wollen uns stemmen dagegen mit unseren Leibern, mit unserem Gut, mit allem, was wir sind und was wir haben! Der Gedanke, daß unsere sieghaft vorschreitende Befreiung und Erlösung scheitern könnte am eigennützigen Kleinmut und am kurzsichtigen Egoismus Weniger — dieser Gedanke legt sich wie eine Klammer um mein Herz, wie ein quälender Eisenreif um meine Kehle.

Gibt es Zufälle, die wie geheimnisvolle Gesetze sind? Während ich die Gedanken, die mich durchschüttern, stumm in mir verschließe, beginnt der Kaiser plötzlich, ohne jede Beziehung zu einem vorausgegangenen Worte, von dem herrlichen, wundervollen Zusammenhalt des ganzen deutschen Volkes zu sprechen, von der heiligen Begeisterungsflamme der ersten Augusttage. »Es ist meine schönste Freude, daß ich das erleben durfte.« Und nach kurzem, nachdenklichem Schweigen sagt er: »Wenn es nicht so gewesen wäre —« Er spricht diesen Satz nicht zu Ende, aber er atmet auf und sieht gegen Donchery zurück, dessen Trümmerstätte schon verschwunden ist.

Mir wird leichter um die Brust. Auch die Landschaft, durch die wir fahren, bringt aufrichtende und verheißungsvolle Erinnerungsbilder. Historischer Boden! Heiliger Boden für uns Deutsche! Das Schlachtengelände von Sedan!

»Dort oben«, sagt der Kaiser und deutet nach einer Feldhöhe, »da ist mein Vater gestanden

Neben der Landstraße huscht ein kleines, einsames Haus vorüber.

»Hier ist Napoleon mit Bismarck zusammengetroffen.«

Aus einem hübschen, in seiner Laublosigkeit durchsichtigen Wäldchen lugen die Türme und Mauern eines zierlichen Schlosses heraus.

»Das ist Bellevue. Hier war die Unterredung meines Großvaters mit Napoleon.«