Diese Worte des Kaisers wecken in mir das Feuer eines frohen deutschen Stolzes. Gerne hätte ich haltgemacht und wäre ausgestiegen, um diese geweihten Stätten der Reichswerdung als Andächtiger zu besuchen. Aber ich nahm mir heilig vor, noch einmal hierher zurückzukehren.
Nun geht es seitwärts, mitten durch das weite Überschwemmungsgebiet der Maas. Von der Straße wird es auf hohem Damm durchschnitten. Lange Proviantkolonnen knattern vorüber, feldgraue Radfahrer sausen vorbei. Die meisten der Soldaten grüßen, wie man unbekannte Offiziere grüßt, doch mancher, trotz der schnellen Fahrt des Autos, erkennt den Kaiser und ist mit jähem Ruck in eine unbewegliche Säule verwandelt, die zwei groß aufgerissene, freudige Augen hat.
Eine Ortschaft kommt, die sich hell abzeichnet auf dem dunklen Hintergrund des Waldes von Woevre. Und über die Mauer eines Parkes hebt sich ein schmuckes, kleines Schloß empor: das Ziel der Fahrt.
Im Schloßhofe begrüßt der deutsche Kronprinz mit den sechs Herren seines Stabes den kaiserlichen Vater, der den Sohn herzlich umarmt.
Seit dem Frühjahr scheint sich die schlanke Gestalt des jungen Heerführers, den wir Deutschen jetzt den Sieger von Longwy nennen, noch gestreckt zu haben. Auch in ihm wirken die starken Mächte der großen Zeit. Die Sonne des Sommerfeldzuges und Wind und Wetter des Winters haben sein frisches, gesundes Gesicht gebräunt. Und seine frohen Augen glänzen in Freude — kann er doch dem Vater von einem großen Erfolge der letzten Nacht erzählen. »Ein festes Stück vorwärts gekommen, und zwölfhundert Franzosen gefangen!« Die müssen auf dem Marsche zur Bahn in einer Stunde da vorbei kommen.
Mir hämmert es in der Brust. Eine Siegesnachricht, die so warm und neu aus dem Schützengraben heraufschnellt, wirkt wesentlich anders, als wenn man sie daheim an der Mauer oder in der Zeitung liest. Man hat auch da seine heiße Freude. Aber wie frischer, um so besser.
Die gute Nachricht belebt und erwärmt die Stimmung am Frühstückstisch. Dem Kaiser schmeckt das Mahl, und scherzend sagt er zum Kronprinzen: »Bei dir ißt man besser als bei mir. Ich muß mir das überlegen, ob ich nicht deinen Koch requirieren lasse?«
Kaum ist an der Tafel das Obst gereicht, da heißt es: »Sie kommen!«
Die Straße hat sich schon zu beiden Seiten mit langen und dichten Reihen der Feldgrauen gefüllt. Durch diese Soldatengasse bewegt sich ein Zug von seltsam aussehenden Gestalten einher. Franzosen? Wo ist denn die berühmte rote Sache, die man die Hose von Frankreich nennt? Davon ist nichts zu sehen. Ein bißchen Blau sieht man, ein dunkles Blau, alles andere an diesen Kommenden ist gelb. So tappen und taumeln sie durch die Gasse her. Und ein Photograph hat sich auch schon eingefunden; glückselig dreht er die Kurbel seines Kinokastens, immer mit dem Objektiv gegen den Kaiser hin. Der sieht es, wird sehr unwillig, deutet auf den näherkommenden Zug der Gefangenen und ruft dem Photographen zu: »Sie! Photographieren Sie doch das da! Die Soldaten! Nicht immer mich!« Ich habe selten einen verlegeneren und hilfloseren Menschen gesehen als diesen aus allen Himmeln gerissenen Filmkünstler. Er dattert mit dem Apparat, rutscht hin und her, dreht an der Kurbel, stockt wieder — und ich besorge, der Film ist gründlich mißlungen. Und wenn die deutschen Fürstenkritiker diese zerrupfte Sache sehen, werden sie sagen: »Wenn sich der Kaiser schon immer photographieren lassen will, soll er sich wenigstens einen geschickteren Photographen aussuchen.« So entsteht, was man als gerechtes und objektives Urteil bezeichnet. Es ist, wie im großen so auch im kleinen, immer wieder die Geschichte von Helgoland und Sansibar.
Die heitere Stimmung, in die ich geraten bin, schlägt mir plötzlich um in eine schwere und tiefe Erschütterung. Mir scheint, ich muß mich erst an den Krieg gewöhnen. Unpolitisches Erbarmen ließ mich für einen Augenblick vergessen, daß ich Deutscher bin und daß diese Gelben, die da vorüberwandern, unsere erbitterten Feinde sind, die auf deutsche Soldaten schossen und stachen und schlugen. Das vergaß ich für einen Augenblick, weil die meisten dieser Menschen da grauenhaft aussehen, herzergreifend. Sehen so auch die Unseren im Schützengraben aus? Dann wissen wir in der Heimat noch immer nicht, was Krieg ist, und was unsere lieben, treuen Feldgrauen um unserer Sicherheit willen ertragen müssen.