Was wir in der Heimat an Gefangenen sehen, ist etwas ganz anderes als hier; bis sie hinauskommen zu uns, hatten sie schon viele Tage Zeit, sich zu erholen, sind gut ausgeschlafen, sind gekräftigt, ordentlich genährt, sind gewaschen und gereinigt. Aber hier, im Felde, wo sie vor wenigen Stunden erst aus den Schützengräben herausgefischt wurden, stecken die meisten in Kleidern, die nimmer als soldatische Uniform zu erkennen sind, sondern von Nässe klatschen und von den Stiefeln bis hinauf zur Brust so dick mit Kot und Lehmklumpen behangen sind, daß alles gelb ist an ihnen. Einige sehen wohl besser und frischer aus, bewegen sich leicht und lebhaft, lassen sich ihr Pfeifchen oder die Zigarette schmecken und können sogar lachen, hochmütig und spöttisch. Aber die meisten sind schwer erschöpft, schleppen sich mühsam unter der Last dieses nassen Dreckes an ihrem Leib, sind bleich und verstört, haben abgezehrte Wangen und eingesunkene, trauervolle Augen. In vielen Gesichtern ist der seelenlose Stumpfsinn, den ein monatelanges Leiden in ihnen erzeugte. Einige sind leicht verwundet, schon verbunden. Viele gehen Arm in Arm gehängt, die noch Kräftigeren stützen die Schwächeren. Unter dem Tausend sind kaum hundert hoch und gut gewachsene Leute, von denen wir Deutschen sagen würden: Das sind Mannsbilder. Alle anderen sind klein, zart und schwächlich von Natur, dazu noch zerrieben von der Mühsal des Krieges, viele unterhalb unseres Militärmaßes, sogar von zwerghaft zurückgebliebenem Wuchs.

So wandern sie vorbei — nicht verspottet und verhöhnt, nicht beschimpft und mißhandelt, nicht bespien und mit Fußtritten regaliert, wie es deutschen Gefangenen in Frankreich erging. Unsre Feldgrauen stehen ernst und schweigsam, sie reden und lachen nicht. Und viele von ihnen, die doch unter dem Kugelregen der Franzosen gestanden und bedroht waren von Wunden und Tod — vielen kann ich es an den Augen ansehen, daß in ihren »Hunnenseelen« das gleiche menschliche Erbarmen ist wie in mir, der ich mich an solche Bilder des Krieges erst noch gewöhnen muß und noch keine von seinen Gefahren verschmeckte.

Während die Gefangenen am Kaiser und der Gruppe seiner Offiziere vorüberkommen, reden wunderlich verschiedene Dinge aus diesen französischen Augen: Gleichgültigkeit und Neugier, Hohn oder Haß. Aber es sind doch auch manche dabei, in denen der Zorn und die Pein der Stunde nicht völlig die Züge soldatischer Ritterlichkeit ersticken kann. Ob sie den Kaiser und den Kronprinzen erkennen? Oder ob sie nur glauben: das sind Generäle? Sie salutieren oder ziehen das Käppi herunter, und der Kaiser dankt.

Die letzten verschwinden, und eine Gruppe von deutschen Lanzenreitern klirrt hinter ihnen her.

Das Bild, das ich gesehen, beschäftigt mich noch lange, während die Fahrt im Auto gegen Süden geht. Der Kronprinz begleitet seinen kaiserlichen Vater eine Strecke Weges, will ihm eine Stelle mit weiter Fernsicht gegen die Argonnen zeigen. Das Gespräch der beiden, das sich immer um Dinge des Krieges dreht, ist ernst, aber die Stimmen bleiben durchhaucht von einer warmen Herzlichkeit.

Nach einer halben Stunde hält das Auto. Mitten aus der welligen Landschaft erhebt sich ein großer, steiler Hügel, ein Kalvarienberg, gekrönt von einem mächtigen Kreuzbild.

Der Weg da hinauf ist mit Schwierigkeiten verknüpft, denn die Regengüsse vieler Wochen haben den lehmigen Steilhang so durchweicht und versumpft, daß jeder Schritt ein Glitschen und Rutschen wird. Aber die Kletterei belohnt sich. Droben eine meilenweite, wundervolle Rundschau! Das große Stück Welt, das zu sehen ist, gleicht einem in den Wolken schwimmenden Riesenteller, der belegt ist mit Wäldern und Feldern, mit Städten und Dörfern, mit Strömen und Bächen. Und alles ist Land, das die Deutschen eroberten! Und gegen Südosten zieht sich durch das Grau des fernen Horizonts etwas hin, das einer schwarzen, langgestreckten Gigantenschlange gleicht. Das ist der Argonnenwald, der unserem Heere so blutig zu schaffen macht. Immer klingt aus jener Ferne ein dumpfes Murren her, ganz leise, kaum noch zu hören im Brausen des Windes, der den Hügel überweht. In der Höhe jagen zerrissene Wolken; und sieht man empor zu ihrem Flug, so scheint das mächtige Kreuzbild sich herabzuneigen, als möcht' es in Barmherzigkeit das Menschengeschlecht der Erde umarmen.

Beim Niederstieg erweist sich der glitschige Boden noch feindseliger. Ich frage den Kaiser, ob ich ihn stützen darf. »Ja! Kommen Sie her!« Er faßt mich an der Schulter. So geht es langsam hinunter, und ich haue bei jedem Schritt den Stiefelhacken ein, wie bei Glatteis auf einer Gemsbirsche. Halb sind wir schon drunten. Da rutsche ich selber aus. Und der Kaiser mit seiner starken Faust hält mich aufrecht. Meinen etwas verlegenen Dank erwidert er mit dem lachenden Wort: »Soldat und Bürger, die beiden müssen einander helfen, so gut sie können!« —

Während der Rückfahrt durch die sinkende Dämmerung spinnen sich in meiner Seele hundert Gedanken und Bilder um dieses vieldeutige Wort des Kaisers. —

Und ich glaube, daß man uns Deutschen in dieser Zeit von heute keine stärkere und tiefere Mahnung sagen kann als dieses Kaiserwort: »Soldat und Bürger, die beiden müssen einander helfen, so gut sie können!«