Geschieht es so — nicht nur im ersten Feuerstrom des alle Herzen durchflammenden nationalen Glaubens, sondern auch in allen Wechselfällen eines langen und zähen Kampfes, der von Bürger und Soldat das letzte der deutschen Kraft verlangt — dann werden wir als Volk nicht niedergleiten in Schmutz und Tiefe. Wir werden aufrecht stehen! Und gleich den gläubigen Magiern aus dem Morgenlande, die geführt wurden von ihrem leuchtenden Sterne, werden wir alle Tücke und Hinterlist des Herodes, der uns in Neid erwürgen will, zuschanden machen!
5.
22. Januar 1915.
Wir leben in einer gerechten Zeit, die es sich angelegen sein läßt, allerlei unzutreffende Urteile in den Köpfen und Herzen des deutschen Volkes richtigzustellen. Jetzt wissen wir, daß unser Entrüstungssturm über Zabern keine völlig objektive Sache war; daß uns eine kleine, wieder deutsch gewordene Insel in der Nordsee viel schutzreichere Dienste leistete als jenes größere Inselland an der ostafrikanischen Küste, dessen Abtausch an England wir mit leidenschaftlichem Kummer beklagten und als Diebstahl an der Schatztruhe des deutschen Michels bezeichneten; und seit unsere jungen Offiziere das Monokel fallen ließen und, ein befeuerndes Vorbild für die Mannschaft, mit Heldenruhe und heiligem Opfermut in den Bleihagel der Feinde schritten, wissen wir auch, daß wir alle Ursache haben, den Typus des deutschen Leutnants wesentlich anders und unabhängiger von Äußerlichkeiten zu konturieren, als dies noch in der letzten Juliwoche des vergangenen Jahres geschehen ist.
Ein langer Friede, und mag er an sich die schönste und begehrenswerteste Sache sein, ist doch auch ein diplomierter Pädagoge für Erziehung ungerechter Nörgelsucht, skrupellosen Haders und ausartenden Mißtrauens; unter der Engelsmaske schneidet sein Gesicht die Grimassen eines Verleumders und Lügners; mit dem Motto »Verwirf das Gute und begehre das Bessere!« zerbröselt er jene menschlichen Werte, deren wir in stürmischen Zeiten am dringendsten bedürfen, und die — das mag zu seiner Entschuldigung gesagt sein — auch nur in der Morgenröte großer Ereignisse ihre wahre Gestalt und ihr innerstes Wesen zu zeigen vermögen. Deutschland wäre ärmer geblieben um einen genialen Feldherrn, wenn es nicht reicher geworden wäre um diesen heiligen Krieg.
Gewiß sind Witz und Satire zwei völlig unentbehrliche Waffen jeder Kultur, jeder ethischen und nationalen Entwickelung. Aber künstlerische Schöpferkraft ist nur dann in ihnen, wenn sie die Größe fördern und bejahen, die sie zu befehden scheinen. Fehlt es ihrem Maßstab an gerechtem Gewissen, verliert ihr Scheinbild jede Beziehung zum Bilde der Wirklichkeit, jeden positiven Boden, und wird es zur augenlosen Negation, die à la mode einen vergnüglich mundenden Kaviar für das Volk bereitet, dann ist es mit Witz und Satire die gleiche Sache, wie wenn die völkerrechtlich zulässigen Mantelgeschosse durch sträfliche Manipulationen zu mörderisch wirkenden Dum-Dum-Kugeln verzwickt werden.
Man verzeihe mir dieses etwas philosophisch angehauchte Vorspiel. Es begann in mir zu klingen, als ich am dritten Tage meines Aufenthaltes im Großen Hauptquartier einen für uns Deutsche gerade jetzt sehr wichtigen Mann kennen und in gesteigertem Maße ehren lernte — einen Mann, den wir immer als »Philosophen« zu besteckbriefen liebten — wenigstens bis zu jenen Augusttagen, die uns eine gerechtere Meinung von ihm beibrachten. Ich hab ihn früher niemals so Aug' in Auge gesehen, immer nur aus der Ferne, wie auch Millionen andere ihn sahen. Nah und genau betrachtet, sieht er ganz anders aus. Ich muß gestehen, daß ich noch nie einen so krassen Widerspruch zwischen Lebenswahrheit und landläufiger Karikaturtype beobachtete.
Die Natur hat diesen Mann nicht mit zwölf Kopflängen ausgestattet, wie den roten Theaterprinzen von Arkadien, und hat ihn auch nicht so hopfenstangenmager gebildet, wie er immer gezeichnet wird. Er sieht viel eher wie ein fester, wohlproportionierter, derbgesunder und breitschulteriger Forstmann aus, der seine Galauniform genau so bequem und selbstverständlich trägt wie sonst seine Waldjoppe. Dazu ein wuchtiger, strenggeschnittener Kopf, unter dessen hartknochiger Stirnwölbung sich kein Versteck für nebulose Theorien vermuten läßt. Was edles Metall ist, prägt sich anders als lindes Blei; und klare Formen sind immer eine Gewähr für die Eigenschaften des Inhalts. Bei seiner umfassenden Geistesbildung mag dieser kraftvoll aussehende Mann wohl mehr von philosophischen Dingen wissen als mancher unter jenen, die ihm den »Philosophen« anzukreiden pflegen. Aber er ist weder menschenferne und trocken wie der große Weise von Königsberg, noch gallig und moros wie Schopenhauer, noch ein wortschwelgerischer Systematikus wie Hegel, noch dithyrambisch-bärbeißig oder entrückt-melancholisch wie Nietzsche. Er ist und blickt und redet und geht und steht wie ein prachtvoll natürlicher Mensch, der ohne Mittel, nur durch sich selbst und durch die ruhige Festigkeit seines persönlichen Wesens gewinnt und erobert — wenn man sich nicht gewaltsam und eigensinnig dagegen sträubt, wie die meisten von uns Deutschen es getan haben, seit der ersten Stunde seiner Amtsführung. Aber dieser Widerstand ist wohl erledigt seit dem erhebenden Augusttage, an dem unser Reichskanzler sprach, was allen Deutschen aus der Seele gesprochen war, und an dem er sich als eine tragende Säule der festen, raschen und entscheidenden Tat erwies, die notwendig war für die Sicherheit und den Fortbestand unseres Reiches. Und nun wollen wir Deutschen das niemals wieder vergessen: daß Mißtrauen und anspruchsvolle Ungeduld aus Vergleichsmanie gefährliche und lähmende Kräfte sind. Das willige Vertrauen des Volkes formt den begabten Staatsmann, wie die Gelegenheit des Krieges den geborenen Feldherrn erscheinen und erkennen läßt. Wir von heute wissen, wie das deutsche Volk seinen Bismarck auf der Höhe seiner reifen Kraft und seines Erfolges nahm; aber nicht alle erinnern sich daran, wie er in den Jahren seiner Entwicklung genommen wurde, und daß man den Abgeordneten von Bismarck-Schönhausen bei seiner Jungfernrede verhöhnte und auslachte. Übrigens — damals wurde viel davon gesprochen, was mit Polen geschehen soll. Was Bismarck in der Magdeburger Zeitung aussprach, und was in der Paulskirche der junge Dichter Wilhelm Jordan über Polen sagte, das sollte man heute nachlesen, sehr aufmerksam. Vieles davon stimmt auch heute noch und kann Wege zeigen. —
Das Auswärtige Amt ist im Großen Hauptquartier untergebracht in dem Gartenhaus eines Bankiers, von dem es ebenfalls heißt: »Il est parti!« — zu deutsch: verduftet! Aber in dem Hause, aus dem er entfloh, ist ein Odeur seiner seltsam träumerischen Seele zurückgeblieben. Die Wohlhabenheit seines Besitzes läßt vermuten, daß er in seinem Bureau ein tüchtiger Finanzmann war. Doch in der Seele dieses erfolgreichen Geldsammlers muß ein Winkelchen gewesen sein, das angefüllt war: mit märchenzärtlicher Romantik. Das beweist die ganze Ausstattung seines Hauses, und vor allem beweist es der große, jetzt zur Arbeitskarte des deutschen Auswärtigen Amtes umgewandelte Salon, dessen wunderlichen Schmuck allerlei mechanische Spielwerke bilden. Der Träumer brauchte da nur in seinen Mußestunden ein paar Schlüssel zu drehen und ein paar stählerne Federn aufzuziehen: dann tanzte eine Bajadere, ein schöner Türke machte Gebetsverbeugungen, ein Schlangenbändiger gab eine Vorstellung und ein Affe fing zu klettern an und produzierte seine drolligen Kapriolen.
Jetzt stehen diese Spielwerke still. Der deutsche Reichskanzler hat in dem okkupierten Salon viel notwendigere Dinge zu tun als Affen klettern und Bajaderen tanzen zu lassen. Doch ist zu vermuten, daß er wirksam damit beschäftigt ist, die giftige Schlangenschar der von unseren Feinden in die Welt geworfenen Lügen zu bändigen — wobei das deutsche Heer mit nie ermüdendem Fleiß den Eisenschlüssel dreht und die stählernen Federn aufzieht.