Zwischen den ruhenden Spielwerken stehen die Schreibtische, denen man es ansieht, wie ruhelos hier gearbeitet wird. In der Mitte des Raumes befindet sich der Schreibtisch des Reichskanzlers — und unter den Büchern, die da liegen, gewahre ich einen Band Satiren von Ludwig Thoma. Es macht mir Freude, das Wohlgefallen des Reichskanzlers von Bethmann Hollweg am süddeutschen Klang bestätigt zu sehen. Ich äußere das, und er sagt in seiner warmen, freundlichen Art: »Ja, das ist im Feld und zwischen der Arbeit meine Lieblingslektüre. Dabei erhole ich mich und werde ruhig.«
Ein Jagdausflug, den der Reichskanzler im Herbste 1913 nach Linderhof machte, gibt Veranlassung, von meiner Heimat, ihren Bergen und ihrem Volk zu sprechen. Wieder höre ich die gleiche Anerkennung der verläßlichen Tüchtigkeit unseres Bayernheeres, wie schon der Kaiser sie mir mitgeteilt hatte. Und das Gespräch leitet über auf den Gang der Dinge zu Hause, auf die Opferwilligkeit und auch auf die nervöse Ungeduld der Daheimgebliebenen, auf schwer fühlbare Härten der Zeit, auf akute Probleme der Industrie, des von Schwierigkeiten bedrückten geschäftlichen Verkehrs und der reichen vaterländischen Fürsorge. Was ich im Verlaufe dieses Gespräches hörte, läßt sich zusammenfassen in die Worte:
»Bewundernswert ist es, was zu Hause an Opferwilligkeit geleistet wird! Aber die Unruhe, die sich daheim in manchen Erscheinungen äußert, begreift man hier im Felde nicht ganz. Zu irgendwelcher Unruhe ist doch nicht der geringste Grund vorhanden. Eine Zeit wie die jetzige ist immer schwer, für alle und für jeden. Das muß eben überwunden werden. Und wir werden es überwinden. Dann wird das Verlorene sich wieder ersetzen, doppelt. Wie es hier im Felde steht, das werden Sie mit eigenen Augen sehen. Erzählen Sie es nur daheim! Überall geht's voran, manchmal für die Ungeduld zu Hause nicht schnell genug, aber man muß einem zähen Feinde gegenüber vorsichtig sein und unnötige Opfer vermeiden, um Kraft für entscheidende Stunden zu sparen. Wenn man sieht, wie tüchtig und beharrlich im Felde gearbeitet wird, nicht nur an der Front, sondern auch hinter der Front und zwischen den Kämpfen, dann wird man ruhig, fühlt sich sicher und wird vertrauensvoll, auch in nötigem Maße geduldig.«
Wenn man unseren Reichskanzler schon einen »Philosophen« nennt, so ist das eine Philosophie, die wir Deutschen uns alle zu eigen machen sollten, bis sie Stein und Bein in uns geworden. Ich habe vor kurzer Frist in der »Frankfurter Zeitung« ein starkes und tiefes Wort von Theobald Ziegler gelesen: »Der Sieg ist unser Schicksal, dem wir entgegenreifen.« Und neben dieses Wort will ich einen japanischen Ausspruch stellen, von dem wir in diesen Tagen gehört haben: »Wer im Kriege die Hilfe der anderen braucht, hat schon verloren.« Zwei Worte — in dem einen kristallisiert sich der Glaube, im anderen der Beweis. Bei uns ist die Kraft, bei uns der Sieg. Da sollte uns das bißchen Warten und Geduld doch so leicht werden wie ein Spiel, dessen stählerne Feder man mit keinem Schlüssel aufzuziehen braucht!
— (Während ich das niederschreibe, marschiert unter meinem Fenster zu Peronne ein Bataillon des Münchner Leibregiments vorüber, marschiert in sausendem Wind und unter strömendem Regen zur Ablösung in die Schützengräben. An die tausend Feldgraue sind es. Und sie singen! Diese prächtigen Menschen! Ihr, die ihr zu Hause seid, ihr hört ja diese Lieder unter eueren Fenstern auch, fast täglich! Das klingt auch in der Heimat schön — und dennoch anders! Hier, während in geringer Ferne die große Trommel der Geschütze dröhnt, klingt dieses kraftvolle Lied so ruhig und heiter, so gläubig und zuversichtlich, daß ich es nicht zu schildern vermag. Die Wirkung ist so mächtig — man kann es nicht sagen, nur fühlen. Etwas Starkes und überwältigend Frohes ist in mir — aber ich muß für eine Weile die Feder fortlegen, weil ich zum Schreiben nimmer sehe.) —
— — Laßt mich wieder erzählen!
Der klärende und erhebende Eindruck, den ich aus dem französischen Gartenhaus des deutschen Reichskanzlers mit mir fortnahm, sollte noch ein tragendes Fundament am Abend finden, als ich wieder in dem kleinen Wintergarten der stillen Villa war, im Kreise der den Kaiser umgebenden Offiziere.
Ich sah und hörte da ein für uns alle sehr lehrreiches Beispiel von des Kaisers Geduld und Ruhe gegenüber den Verleumdungsbomben, die von unseren vielen Feinden mit sehr übel riechendem Pulver gegen uns abgeschossen werden. Diese Dinge erbittern ihn, daß ihm die Stirne brennt. Aber auch in der heißesten Erregung verliert er nie die Herrschaft über sein Wort. Ich hörte den Kaiser in einem solchen Falle sagen: »Das ist stark! Aber dumm ist es auch! Ein Glück, daß die Wahrheit auf die Dauer immer klüger ist und die schnelleren Beine hat.«
Ritterliches Verhalten einzelner Gegner erfreut ihn. Und noch kaum einen zweiten Deutschen hab' ich über gute Eigenschaften, über zähe Tapferkeit und kriegstechnische Leistungen unserer Feinde so objektiv, so gerecht und anerkennend urteilen hören wie den Deutschen Kaiser. Das sollten einmal jene von ihm hören, die alle feindliche Welt jetzt erfüllen mit ihren urteilslosen Pamphleten wider ihn, mit den aberwitzigsten Karikaturen und den niedrigsten Beschimpfungen.
Auch gegen England hörte ich vom Kaiser kein im Zorn maßloses Wort. Jedes Urteil, das er da ausspricht, bleibt doch, so streng es auch manchmal klingt, immer innerhalb der Grenzen einer vornehmen Zurückhaltung. Doch hört man, wenn von den Germanenvettern über dem Kanal die Rede ist, aus seiner Stimme ein leises, kaum merkliches Vibrieren. Dabei mischt sich seine Rede mit Bildern von scharfer Prägung, mit Gleichnissen von schlagender Kraft.