Im Gespräch mit dem Vertreter eines neutralen Staates sagte der Kaiser: »Sie sind doch Sportsmann? Wenn bei einem Wettrennen nach und nach alle schwächeren Konkurrenten ausscheiden, und es ringen nur noch die zwei stärksten Pferde um den Sieg — haben Sie es da schon einmal gesehen, daß der Jockei des Pferdes, welches nachzulassen droht, mit der Peitsche nach dem Jockei des Pferdes schlägt, das ehrgeiziger und besser bei Kräften ist?« Ein Kopfschütteln des Sportsmannes. »Nun? Warum schlägt dann England nach uns? Warum schlägt es nicht auf seinen faulwerdenden Gaul?«
Und noch ein anderes Kaiserwort, von dem ich glaube, daß es festgehalten werden muß:
»Viele von den Leuten, die uns Deutsche immer nach Äußerlichkeiten des Schliffes beurteilen und uns immer Barbaren nennen, scheinen nicht zu wissen, daß zwischen Zivilisation und Kultur ein großer Unterschied ist. England ist gewiß eine höchst zivilisierte Nation. Im Salon merkt man das immer. Aber Kultur haben, bedeutet: tiefstes Gewissen und höchste Moral besitzen. Moral und Gewissen haben meine Deutschen. Wenn man im Ausland von mir sagt, ich hätte die Absicht, ein Weltreich zu gründen, so ist das der heiterste Unsinn, der je über mich geredet wurde. Aber in der Moral, im Gewissen und im Fleiß der Deutschen steckt eine erobernde Kraft, die sich die Welt erschließen wird!«
Unser Kaiser ist ein Deutscher im Sinne seines eigenen Wortes.
Das alles durfte ich erzählen und glaubte es erzählen zu müssen. Wird auch den toll gewordenen Lästerhähnen aller uns feindlichen Länder der »zweite Attila« vorerst nicht auszureden sein, so werden diese Charakterzüge und Worte des Kaisers doch dazu beitragen, daß wir Deutschen sein innerstes Wesen richtig erkennen.
Dieser Abend in dem kleinen französischen Wintergarten — es waren außer dem Großadmiral von Tirpitz als Gäste noch zwei Offiziere da, von denen der eine als Kurier aus Konstantinopel, der andere als Kurier aus dem Osten, vom Heere des Feldmarschalls Hindenburg, gekommen war — dieser Abend gab mir auch noch andere Dinge zu hören, sehr erfreuliche und verheißungsvolle! Die muß ich in mir verschließen. Nur dieses eine darf ich sagen: Als ich an diesem Abend unter rauschenden Regengüssen zu meinem engen Grillenhäuschen heimwanderte durch die finstere Nacht, da sah ich unsere deutsche Sonne glänzen, groß und schön!
6.
24. Januar 1915.
Alles ist grau in grau verschwommen. Der Regen plätschert, und was Strom oder Bach heißt, ist wie ein wildes Tier. Bei jeder Wasserpfütze, in die ich trete, bei jedem Schlammloch, in das ich hineintappe, muß ich an unsere Soldaten denken, die in den verpfuhlten Schützengräben liegen. Bei uns zu Hause geht man unter dem Regenschirm oder bleibt daheim oder sitzt im Kaffeehaus. Mag es so sein! Wenn wir nur des Unterschiedes nie vergessen!
Gegen zehn Uhr morgens wird es ein bißchen heller. Im Auto, das mich abholte, geht's nach Bellevue hinaus. Eine Enttäuschung. Das Schloß, in dem Napoleon seinen Degen an den König von Preußen übergab, ist abgesperrt; es hat bei Beginn des Krieges schon empfindlich gelitten; nun soll diese heilige Gedächtnisstätte der Deutschen vor jeder weiteren Zeitgefahr behütet werden. Der Park ist umzogen von einem Zaun aus Stacheldraht, und ein deutscher Posten steht Wache. Das Schloß ist leer, seine Fenster sind mit Brettern verhüllt, sind geschlossene Augen. Ich will davongehen. Da befällt mich eine tiefe Erschütterung — ich sehe die ersten deutschen Soldatengräber dieses Krieges: kleine lehmgelbe Hügel, schwächliche Holzkreuze, die geheiligten Namen kunstlos daraufgeschrieben, geschmückt mit Kränzen und Tannengewinden, denen man es ansieht, daß sie von harten Männerfäusten geflochten sind.