Lange steh' ich mit entblößtem Kopf. Und ich sehe nimmer die Gräber, nicht den Acker, nicht das Schloß und nimmer den triefenden Wald. Ich höre nur in der Morgenstille den leisen, ruhelosen Fall von unzählbar vielen Tropfen und sehe deutsche Städte und deutsche Dörfer, deutsche Straßen und deutsche Stuben, sehe Kinder, die froh sein möchten und verschüchtert sind, und sehe Mütter, Frauen und Mädchen, alle in schwarzen Kleidern, mit blassen Gesichtern und entzündeten Augen. Vieltausendfach ist der Tod über die Wiesen des deutschen Glückes hingegangen, und in der Heimat fallen der Tränen mehr als Tropfen da drüben in dem regennassen Wäldchen von Bellevue. Doch aus den blassen Gesichtern, die ich sehe, spricht etwas anderes heraus, als es sonst der Gram um versunkene Menschen ist, die uns teuer waren. Die Trauer, die ich sehe, ist gefaßter, edler und heiliger. Stolz und Schmerz sind verschwistert in ihr. Wir alle, die wir um der Heimat willen verlieren mußten, sei es an teuerem Leben oder an Gut, wir alle wissen, wofür wir es hingaben.

Während ich die Gräber verlasse, bleibt in mir eine Stimmung wie nach dem Gottesdienste, bei dem vom sehnsüchtigen Auszug und von der gesegneten Heimkehr der Magier aus dem Morgenlande gepredigt wurde. So betrete ich auf der Landstraße zwischen Bellevue und Donchery das alte kleine Haus, in welchem Napoleon auf Bismarck wartete. Ein niederes, fast leeres Stübchen. Es steht da nur ein Glasschrank mit Erinnerungen und ein Tisch mit zwei Strohsesseln. Auf dem einen dieser Stühle hat Napoleon gesessen, auf dem anderen Bismarck. In dem Glaskasten zeigen kleine Blätter die Handschriften unseres Kaisers, des deutschen Kronprinzen und anderer Fürsten. Jedes Blatt ist an den Ecken beschwert mit den Zwanzigmarkstücken, welche die Hüterin dieses Hauses als Geschenk erhielt. Damals, am Sedanstag, war sie eine Sechsundzwanzigjährige, jetzt ist sie eine Greisin mit weißem Haar. In dem ruhigen Ton, mit dem die Kustoden von Kunstsammlungen zu sprechen pflegen, erzählt sie, wie sie während jener Schlacht mit ihrer Familie im Keller saß und die Granaten sausen hörte, die über das Hausdach hinüber und herüber flogen. Geradeso wäre es jetzt wieder gewesen, beim Kampf und bei der Zerstörung von Donchery. Von der freundlichen Güte unseres Kaisers erzählt sie und von den vielen hohen Gästen, die in ihr berühmtes Haus kommen. Von den tausend anderen, ungefürsteten Besuchern dieses Raumes erzählen die Wände, die Türbretter, die Fenstergesimse, sogar die Stubendecke — alle Plätze, auf die man seinen Namen schreiben kann. Eine wunderliche und rührende Tapete: diese Tausende von deutschen Namenszügen!

Beim Gehen, unter der Türe, sag' ich zerstreut: »Auf Wiedersehen!« Die Greisin erschrickt: »Nein, mein Herr, nein, nein! Da wäre doch wieder Krieg! Das muß der letzte sein!« Sie lächelt. »Kommt noch einer, so leb' ich nimmer!«

Ein Anstieg über eine Feldhöhe. Niedergetretener Hafer und ungeerntete Rüben. Manchmal neben der Straße ein halb wieder zugeschütteter Schützengraben. Dürr gewordene Laubhütten, die den Soldaten als Unterstände bei Regen dienten. Und lange, breite Drahthindernisse, jetzt zerschlagen und zerstampft. Wie kleine dünne Schlangen ringeln sich überall die entzweigeschnittenen Drähte aus dem Kraut heraus.

Hohe, von Gestrüpp überwucherte Erdwälle und hinter ihnen etwas sehr Sonderbares — es sieht aus wie ein gewaltiger Termitenhaufen mit vielen Einschlupftrichtern: das von den Deutschen eroberte und zerstörte Fort des Aivelles, dessen Kommandant sich, als die Feste fiel, eine Kugel durch den Kopf jagte. In einem Föhrenwäldchen liegt das Grab, das ihm die Deutschen gruben, und das sie zur Ehrung dieses Braven in sinniger Weise schmückten. Die Hälfte seiner Besatzung war ihm davongelaufen, bevor die erste deutsche Granate kam — noch heute liegen an vielen Stellen die roten Hosen umher, die diese Sorgenvollen herunterzogen, um sie durch minder gefährliche Bauernhosen zu ersetzen.

Meinen Weg sperrt solch ein riesiger Termitentrichter: die Einschlagstelle eines deutschen Haubitzengeschosses. Ein Loch vom Umfang einer Stube, drei Meter tief, und drunten sieht man durch einen zerrissenen Schacht hinunter in einen schwarzen Keller, in die »granatensichere« Kasematte, deren Betondach der deutsche Schuß zertrümmerte. Überall Vernichtung; zwei Meter dicke Mauern sind zerrupft wie Fließpapier; nur die Torhalle hat standgehalten; hier liegt noch das französische Pulver in den Gewölben. Heiter schwatzende Landsturmmänner sind mit dem Sortieren des Beuterestes beschäftigt; alles wird gesammelt, was sich für deutsche Zwecke wieder verwenden läßt: Eisen, Kupfer, Messing, Zinkblech, Bleiröhren und Gummi. Über Trümmerhaufen und durch Granatenlöcher klettere ich hinauf zur Plattform des Forts. Die Kanonen, die hier stumm gemacht wurden, sind schon verschwunden, nach Deutschland gebracht. Nur die Verwüstung ist noch da, mit grauenvollem Gesicht, mit etwa vierzig Granatentrichtern, die aussehen wie tief eingesunkene Todesaugen. Ein Schuß hat den hohen eisernen Mast der französischen Flagge umgeworfen, hat die Spitze in den Grund gebohrt und den schweren Fuß in die Luft gehoben.

Meine Augen irren über dieses stumme und doch schreiende Bild des Unterganges hin. Ein schmerzender Schauder überrieselt mich bei dem Gedanken, daß unsere deutschen Festungen so aussehen könnten wie dieser leblose Trümmerhaufen — wenn wir nicht die Stärkeren wären und nicht die Ausdauer und den Willen hätten, es auch zu bleiben.

Immer rieselt der Regen, dichte Wolken jagen über Hügel und Wälder hin, und graue, wogende Dünste verschleiern, was Landschaft heißt. Alles Französische scheint sich in deutsches Feldgrau verwandelt zu haben. Aus diesem unübersehbaren Heere lösen sich immer wieder einzelne Gestalten sichtbar ab: Soldaten, welche die Landstraßen und die Brücken bewachen. Bei jedem zweiten oder dritten Kilometer gibt's einen Aufenthalt der Fahrt, eine Schranke, eine Visitation. Mein Ausweis öffnet mir jeden Schlagbaum. So geht's in fünfstündiger Autohetze über Hirson und Guise nach St.-Quentin, in dem es wimmelt von deutschen Kriegern. Wo kommen sie nur alle her? Ganz märchenhaft ist ihre Menge. Und daheim, bei meiner Reise durch deutsches Land, war es ebenso! Sei gesegnet, meine Heimat, du unerschöpflichster aller Menschenbrunnen! Und England will uns vernichten? Uns? Wäre diese britische Sehnsucht nicht so verbrecherisch, sie müßte drollig wirken in ihrer Torheit.

Bei sinkendem Abend erreiche ich die Stadt Peronne. Wieder dieses gleiche Soldatengewimmel, noch dichter als in St.-Quentin! Der große Stadtplatz, auf dem ein gutes Denkmal der Marie Fouré zu sehen ist, einer französischen Heimatsheldin vom Geiste der Jungfrau von Orleans — dieser Platz, den der stumpfköpfige, mit dem gallischen Hahn geschmückte Turm der Kathedrale überragt, sieht mit seiner Soldatenmenge aus wie daheim in München der Marienplatz nach einer Parade am Königstag. Aber bin ich denn in der Fremde? Bin ich nicht wirklich daheim? Überall bayerische Klänge. Münchner Laute! Ich fasse einen Feldgrauen am Arm: »Grüß Gott, Landsmann! Woher sind Sie denn?« — »Von Hoadhausen!« — »Und wie geht's immer?« — »Guat. Warum soll's denn schlecht gehn?« — »Aber eine aufregende Zeit das! Nicht?« — Er sieht mich an, als hätte ich eine Sprache geredet, die er nicht versteht; dann lacht er ein bißchen: »Gell, Sö kommen grad von dahoam? Ja ja, da san d' Leut a so. I woaß net, warum?« — Was dieser eine sagt, das gleiche lese ich aus allen Gesichtern und Augen, hör es aus allen Worten. Hier im Feld ist die Ruhe, das Bewußtsein der deutschen Kraft. Zapplig, ohne Geduld und aufgeregt sind nur wir zu Hause. — »I woaß net, warum?« sagte der brave Feldgraue, der jetzt vier Tage Rast hat und dann wieder vier Tage im Schützengraben stehen muß. Ohne Regenschirm! Gäb' es einen, der ihm dienen könnte, so müßte es einer sein, der, statt mit Seide oder Baumwolle, mit daumendicken Stahlplatten bezogen ist. Und für alle fallenden Tropfen würde der auch nicht helfen!

Mein erster Weg zu Peronne führt mich ins Kriegslazarett. Hier liegt ein junger deutscher Offizier, der mir lieb ist. Ein stummes, festes Umhalsen. Dann sitz' ich an seinem Bett, und seine fieberheiße Hand ruht in der meinen. Aber diese Sorge, die schon wieder verläßliche Hoffnung ist, gehört mir allein. Davon will ich nicht sprechen. Ich bin hier, um zu schauen und um der Heimat zu erzählen, wie meine Reise zur deutschen Front eine Reise zum deutschen Glauben wurde.