Im Lazarett muß ich Bilder sehen, die hart sind und in die Seele schneiden. Ich will sie nicht schildern; wir alle wissen, was Leiden und Schmerz des Krieges heißt. Aber was ich sehe, predigt mir gleich in der ersten Stunde die dankbare Bewunderung für unsere deutschen Ärzte und für den stillen, geduldigen Opfermut unserer Schwestern vom Roten Kreuz. Und diese Blankheit des Lazarettes, diese Ordnung und Sauberkeit! Überall, wo unsere Ärzte einzogen, mußten sie wider den französischen Schmutz zuerst das Wunder der Reinlichkeit wirken.
Aus einem Lazarettraum, an dessen halboffener Tür ich vorübergehe, hör' ich in der sonst tiefen Stille des Hauses einen fast kindlich klagenden Singlaut: »Oooohlala, ooohlala, ooohlala!« So ähnlich sangen einmal auf der Münchner Theresienwiese die Aschantimädchen. Ich frage einen Wärter: »Was ist denn das?«
Er brummt: »Ah mei', so a wehleidiger Franzos, der grad verbunden wird! Gar nix halten s' aus, allweil müssen s' wuiseln. Die Unsern beißen die Zähn übereinand, da hörst kein Laut net! Is halt doch an anderer Schlag, Gott sei Dank!«
Ich spreche ihm das in meinem Herzen nach: »Gott sei Dank!« — Noch am gleichen Abend erzählt mir ein hoher Offizier, daß unsere Feldgrauen für die Franzosen diesen Spitznamen aufbrachten: »Der Ohlala!« Und noch einen anderen haben sie: »Der Tuhlömong!« Wo die feindlichen Schützengräben nahe bei den unseren liegen, kann man häufig das französisch Kommando hören: »Tout le monde, en avant!« — Das Ganze vor! Bleibt dieser Befehl ohne Folge, was häufig geschieht, dann sagen unsere Feldgrauen lachend: »Heut mag er net, der Tuhlömong!«
Als ich aus dem Lazarett auf die Straße trete, fällt der gottverwünschte Regen schon wieder in dicken Schnüren. Nur dieses Rauschen; die Häuser der Stadt sind still und finster, alle Türen und Fensterläden geschlossen; nach Einbruch der Dunkelheit darf sich bei schwerer Strafe niemand von der einheimischen Bevölkerung mehr auf der Straße zeigen. Außer den einquartierten Soldaten wohnen da nur noch Greise und Knaben, Frauen, Mädchen und Kinder. Alle Wehrfähigen sind fortgeführt oder dienen im französischen Heer. Ob diese Dienenden noch leben, oder gefallen, oder gefangen sind, das weiß hier niemand. Seit vier Monaten sind die Einheimischen ohne Nachricht von ihren Vätern und Söhnen im Heer; jeder Briefverkehr mit Angehörigen jenseits der Front ist ihnen zur Verhütung von Spionage verboten. Krieg! Was mag hinter den geschlossenen Fensterläden, durch deren Ritzen das scheue Licht herausquillt in die Regennacht, aus verschlossenem Gram und Zorn geflüstert und geknirscht werden! — Bei uns daheim ist es anders! Da ist Licht und Leben und unbedrückte Freiheit! Auch Leid und Schmerz, gewiß! Das hat seine harten, unvermeidlichen Gründe! — Aber unsere nervöse Ungeduld, die sich manchmal versteigt zu sinnlosem Klatsch und zu Worten voll übler Ungerechtigkeit wider unser Heer und seine Führer? — Wie sagte der brave Feldgraue von Haidhausen? »I woaß net, warum?«
Auf dem dunklen Stadtplatz, bei dessen wenigen Laternen die Wasserpfützen des Pflasters glitzern, nähert sich mir ein mächtiges Rollen, Schnauben und Knattern. Wie ein langer, langer Zug von schwarzen Ungetümen saust es aus der Nacht heraus und in die Nacht hinein. An die vierzig oder fünfzig Lastautomobile mit angehängten Wagen! Und alle sind vollgepfropft mit jungen deutschen Soldaten! Die rauchen ihr Pfeifchen, ihre Liebeszigarren, und lachen und schwatzen! Und meine grüßenden Zurufe erwidern sie lustig, mit gesundem Frohsinn! Als ging' es zu einem Feste! Und sie fahren doch in die schwarze, vom Regen durchpeitschte Nacht hinaus, der Richtung zu, aus der man seit dem Abend immer ein dumpfes Rollen wie von einem schweren, näherkommenden Gewitter hört!
Ich bekomme eine kleine nette Quartierstube, völlig »undevastiert«, obwohl vor mir schon viele Deutsche da gewohnt haben. Der Kamin hat Geheimnisse — man bringt ihn wohl dazu, daß er brennt, aber nicht, daß er heizt. Doch der Gedanke an die da draußen, die noch viel nässer sind und noch viel härter frieren, macht mich geduldig. Auch tröstet mich wieder das famose französische Bett. Ein Segen für uns, daß Frankreichs gute Armee nicht so gut ist, wie seine Betten sind. Da hätten unsere Feldgrauen noch viel härter zu beißen, und wir zu Hause müßten noch viel geduldiger sein, als wir jetzt schon — nicht sind!
Aller Güte dieses Bettes zum Trotze kann ich nicht schlafen. Immer rollt der Kanonendonner. Ein paarmal hör' ich den schweren Schlag einer explodierenden Mine. Die Fensterscheiben klirren und das ganze Hans zittert, obwohl ich etwa acht Kilometer vom Schusse bin. Spring' ich zum Fenster hin, so seh' ich die Lichtbündel der Scheinwerfer über die Wolken huschen. — Wo sind die Minen aufgegangen? Sind Deutsche, sind Franzosen zerschmettert und zerrissen in die Luft geflogen? — So sieht die »Ruhe« aus, die wir bei der Front vermuten, wenn die Depeschen melden: »Nichts Neues!« Wir müssen lernen, zwischen den Zeilen der Telegramme zu lesen. Mir ging es kalt durch die Adern, als ich heute von diesem Minenkrieg erzählen hörte, von dieser Maulwurfsarbeit des Todes unter der Erde, zwischen Schützengraben und Schützengraben. —
Am Morgen regnet's, regnet's und regnet's. Ein Wetter, um beim Gedanken an unsere Truppen zu verzweifeln! Dabei ist es noch ein Glück, daß die Unseren von härterem »Schlag« sind als die Franzosen, denen die Nässe und der Schlamm noch viel empfindlicher an die Haut gehen. Dieses fürchterliche Wetter ist schließlich doch auch ein Bundesgenosse der deutschen Robustheit.
Ich denke das, während ich aus der Haustür trete, und da erbringt mir die Wirklichkeit einen Beweis, der mir Herz und Leib mit Freude durchglüht.