Durch die grob gepflasterte Straße stampft es herauf — wie das Volkslied sagt: in gleichem Schritt und Tritt. Sind das Franzosen? Die gleichen Franzosen wieder, die von der Armee des deutschen Kronprinzen gefangen wurden? Nein! Die Leute sind größer, kräftiger. Auch sind das keine Gefangenen, sie sind nicht bewacht, und sie tragen Waffen! Aber die Gewehre sehen aus, als hätte man sie aus einer Pfütze gezogen; Patronentaschen, Bajonett und Schanzeisen sind mit Schlamm umwickelt; und genau so, wie jene tausend gefangenen Franzosen, die ich gesehen, sind diese fünf-, sechshundert Deutschen von den Stiefeln bis über die Brust hinauf, bis zu Schulter und Hals so dick in gelben, klumpigen Lehm gewickelt, daß von den feldgrauen Uniformen nur wenige unbekleckerte Lappen noch zu sehen sind. Nicht anders sehen Tornister und Mäntel aus. Viele von den Leuten tragen trotz der Kälte die Hälse nackt und haben die Liebesgabenschlipse um den Rand der Stiefelschäfte herumgewickelt, damit sie den Dreck nicht auch noch in die Stiefel bekämen! Aber frische, gesunde, gutgefärbte Gesichter haben sie! Alle! Gut genährt und kraftvoll sehen sie aus! Und aus ihren hellen, ruhig-frohen Augen redet eine wahrhaft stoische Zufriedenheit mit aller Mühsal, die sie erdulden müssen für Heil und Schutz der Heimat.
Nein! Was wir manchmal in den amtlichen Depeschen lesen, vom Gesundheitszustand und der guten Verfassung unserer Truppen, das ist nicht Stimmungsmache! Das ist weniger als die wundervolle Wahrheit, die ich jetzt, beglückt bis ins Innerste meiner Seele, mit eigenen Augen zu sehen bekomme.
Es sind Mannschaften des Münchener Leibregiments, die nach der Ablösung aus den Schützengräben kommen, um vier Tage Rast zu haben. Straff und strack marschieren sie in dem von Schlamm und Nässe klatschenden Zeug an mir vorüber — und weil ihnen ein hoher Offizier begegnet, rucken sie ihre Körper plötzlich auf, und die Stiefel stechen und klingen wie bei festlichem Parademarsch. Hinter ihnen bleibt auf dem groben Pflaster eine lange gelbe Lehmschlange, die im Regen allmählich ersäuft und verschwindet.
So, wie in dieser Minute, hab' ich noch nie im Leben die Notwendigkeit und stählende Kraft der militärischen Erziehung unseres Volkes verstanden. Und ich begreife nun auch die verzagte, hoffnungslose Trauer, die ich hier in den Augen der Einheimischen sehe, wenn sie einen Vorbeimarsch unserer Truppen betrachten; sie sprechen es nicht aus; aber man fühlt es, daß sie denken: »Ihr seid die Sieger!«
Neben aller stolzen Freude zitterte mir doch auch eine Sorge im Herzen, und ich fragte den Offizier, der neben mir stehen geblieben war: »Um Gottes willen, die Leute haben doch nur die eine Uniform, wie werden sie denn wieder trocken und sauber?«
Er lachte: »Ja, das weiß ich nicht. Aber morgen sind sie's wieder. Die meisten helfen sich so, daß sie sich in dem nassen Schmutz auf ihr Stroh legen und die Kleider am Leib trocknen lassen. Andere machen es anders. Neulich sah ich einen in einer eiskalten Pfütze stehen und die Kleider waschen, die er am Körper trug. Ich fragte: >Mensch, was machen Sie denn da?< Der Mann sagte: >Ja, mei', wie soll ich's denn machen? Mei' Zuig muß i endli amal sauber kriegen, nacket kann i mi net herstellen, muß i's halt so machen!< Er wusch und rippelte weiter! Und das Merkwürdigste an der Sache ist, daß wir noch nie so wenig Revierkranke gehabt haben wie jetzt.« —
Ich glaubte bisher, vom ersten Tage des Krieges an, jede Pflicht gegen meine Heimat als Deutscher gewissenhaft erfüllt zu haben. Jetzt weiß ich, daß ich noch mehr hätte tun müssen, um als Bürger dem Soldaten zu helfen.
7.
27. Januar 1915.
Vorgestern, bei Anbruch der Abenddämmerung, zur Vorfeier von Kaisers Geburtstag, war Kirchenkonzert in der alten Kathedrale von Peronne. Die Offiziere in den Chorstühlen. Und die drei Längsschiffe der Kirche dicht gefüllt mit deutschen Soldaten. An die Tausend waren es, alle gewaschen und sauber gebürstet. Unbeweglich, den Helm oder die Mütze vor der Brust, saßen sie und lauschten dem kunstvollen Spiel der Orgel und den ernsten Liedern, die gut gesungen wurden. Und als zum Schlusse des Konzerts die Orgel zusammen mit den Bläsern der Militärkapelle — wahrhaftig, ein »brausender Donnerhall« — die Wacht am Rhein intonierte, erhoben sich die Tausend und das große deutsche Lied schwoll empor in die gotischen Gewölbe wie ein schönes, kraftvolles und inbrünstiges Gebet.