Barbaren-Andacht! Ja! Die Franzosen sagen doch jetzt, daß wir spirituell minderwertig und zivilisatorisch zurückgeblieben wären, weil wir Musik haben, der Musik bedürfen und sie lieben! Wir sind ihnen wie giftige Schlangen, die sich durch Pfeifenspiel für Minuten bändigen lassen. Solchem Wahnwitz gegenüber muß man heiter werden und an den kropfigen Zillertaler denken, der einem makellos gewachsenen Fremden begegnet und dabei sein kropfiges Söhnchen ermahnt: »Tu nit spotten, sonst straft dich Gott, und du wirscht die gleiche Mißgeburt wie der!«

Und gestern, am Vorabend des Kaisertages, als aus schwimmenden Nebeln eine dunkle Nacht herunterstieg, wurde auf dem großen Stadtplatz der Zapfenstreich geschlagen. Keine aufdringliche Feier. Ein militärisches Fest, würdig in Grenzen gehalten, einfach, vornehm, und gerade deshalb so schön und ergreifend, etwas herrlich Helles auf dem finsteren Hintergrunde der Zeit. Wie eine ruhige Leuchtwoge schwamm die vierfache Reihe der Fackeln über den schwarzen Stadtplatz her und formte ihren Flammenkreis um die Militärmusik. Außerhalb des Kreises standen die Soldaten. Kopf an Kopf, so weit man in der Nacht zu sehen vermochte. Die Jubelouvertüre. Noch ein paar andere, gutgewählte Musikstücke. Dann der alte bayerische Zapfenstreich; seine strengen, geheimnisvoll verhaltenen Trommelwirbel rütteln das Blut auf, seine munteren Bläserweisen besänftigen es wieder. Nun tiefe Stille über dem weiten Platz. Mit kurzen, markigen Worten brachte der Kommandierende des Korps, General v. Xylander, das Hurra auf unseren Kaiser aus. Und die tausend jauchzenden Soldatenstimmen klangen, als wär' es nur ein einziger Schrei, das stolze und frohe Aufjubeln eines Riesen. »Deutschland, Deutschland über alles!« Und die leuchtende Fackelwoge schwamm still davon, der Platz wurde finster.

Während der Nacht vernahm ich immer den fernen Kanonendonner. Und noch etwas anderes hörte ich. Immer. Unter der Stube, in der mein Quartier ist, wohnen und schlafen der Besitzer des hübschen Hauses, seine greise Mutter und seine Magd in einer kleinen Kammer. Zwei Söhne und drei Brüder sind im französischen Heer; von denen haben sie seit Mitte September nichts mehr gehört. Die Leute sind freundlich zu mir; sie sagen nur Dinge, von denen sie hoffen, daß ich sie gerne höre. Ich weiß: was sie denken, verschweigen sie; und wenn sie zu lächeln versuchen, haben sie einen Zug voll Schmerzen um den Mund. So oft ich in die Küche trete, schrickt die greise Frau heftig zusammen. Vor mir! Sie glaubt nicht, daß ich lieber ihre runzelige Hand streicheln als sie erschrecken möchte. Und diese drei Leute hör' ich reden in jeder Nacht, unter meiner Stube, mit bebenden Stimmen, ganz leise. So hab' ich sie auch immer in dieser Nacht gehört, nach dem Zapfenstreich. Und die zitternden Stimmen erloschen nur, wenn draußen auf der Straße die Stahlschritte eines Soldatentrupps vorüberklirrten, der zur Ablösung in die Schützengräben zog.

Mich sangen diese Lieder, die sich immer aufs neue wiederholten, in einen festen und ruhigen Schlaf. —

Nun ist der Morgen da. Es regnet nicht. Aber der Himmel ist grau umdunstet. Sonne, Sonne, wo bleibst du denn? Bist du daheim in Deutschland?

Eine Ruhe ist in mir, die ich nicht schildern kann. Ich empfinde sie, wie man die Luft des werdenden Frühlings fühlt. Alle Unzufriedenheit und Ungeduld, alles Nervöse und Zappelige, auch alle Sorge um materiellen Verlust ist abgestreift von mir. Das zählt nicht. Nur Arbeit und Kraft der Gegenwart zählen, nur unsere deutsche Zukunft!

Mit vielen Soldaten hab' ich mich angefreundet. Was in ihren gesunden Knochen ist, fließt über in mich. Wir zu Hause, wir glauben im besten Falle an den Sieg — hier im Felde wissen sie alle: wir siegen. Aber eines weiß ich jetzt auch schon: daß der Krieg etwas völlig anderes ist, als ich in der Heimat vermuten und sehen konnte. Er ist etwas viel Schrecklicheres, aber auch etwas viel, viel Schöneres!

Was wird dieser neue Tag mir wieder zeigen?

Die Fahrt geht am Ufer der Somme entlang. Auch unter den trüben Nebelschleiern ist es noch eine wundervolle Landschaft. Über eine Breite von vierhundert Meter verzweigen sich Kanäle, Strom, Altwasser und Sümpfe, durchsetzt von malerischen Röhrichtfeldern, in denen Schwärme von Wasserhühnern und Wildenten umherschlüpfen.

Nun steh' ich vor einem Meisterwerk der deutschen Pionierkunst, vor der fast fünfhundert Meter langen Holzbrücke über die Sümpfe der Somme. Als der Bau begonnen wurde, verschwanden die ersten als Pfosten eingetriebenen Baumstämme vollständig im grundlosen Schlamm. Dennoch wurde dieses Sumpfhindernis, von dem die Franzosen erwartet hatten, daß es den Anmarsch der Deutschen um viele Wochen verzögern würde, von zwei bayerischen Pionierkompagnien durch den Bau dieser Brücke in fünf Tagen überwunden. Wie zierliches Filigranwerk sehen diese Holzverschränkungen aus und tragen Regimenter, schwere Geschütze und lange Züge von Lastautomobilen. Über den Kanälen hat die Brücke ausschwingbare Bogen zum Durchlaß der Schiffe! Und alles in fünf Tagen entstanden!