Das Materialdepot dieser märchenhaften Arbeit, der Pionierpark, ist untergebracht in einer großen, zerschossenen und ausgebrannten Fabrik. Was da in kurzer Zeit durch deutschen Fleiß, deutsche Ordnung und deutsche Gründlichkeit entstand, das wirkt wie etwas völlig Unglaubhaftes. Man zweifelt noch, wenn man es mit eigenen Augen sieht. Das ganze Innere des zerstörten, nur noch von den kahlen Mauern umschlossenen Gebäudes ist durch Brettereinbauten in eine Reihe von Sälen, Stuben und Kammern verwandelt. Alle Räume sind mit hölzernem Fachwerk ausgefüllt und in peinlichster Genauigkeit mit allen Gattungen von Kriegsmaterial und Werkzeug vollgekramt. Alles ist da, vom Minenwerfer bis zum Schuhnagel. Ein lustiges Wunder ist der Schlafsaal, in dem ein paar hundert Pioniere und Soldaten ihr Quartier haben. In drei Reihen durchziehen den großen Raum die zweistöckigen Schlafschachteln — ich finde keinen anderen Ausdruck — die Hälfte der Leute schläft zu ebener Erde, die andere Hälfte im Oberstock dieser riesigen sechzigschläfrigen Bettladen. Heu und Stroh ersetzen die Matratzen, als Kopfkissen dient der Tornister. Ich frage: »Ist denn da gut zu liegen?« Alle lachen gleich, und einer sagt: »Ah, da is's gut, jetzt haben wir's fein!« In den Ecken stehen die eisernen Öfen und rings um die Mauern ziehen sich die hölzernen Tische und Bänke. Da sitzen die Leute, wenn sie Rast haben, und schreiben Briefe und Karten, oder essen, oder flicken ihr Zeug, oder spielen Tarock. Ein bisserl rauchig ist es in dem Raum, nicht von den Öfen — die ziehen famos — nur von den Pfeifen und Zigarren. Auch ein Badhaus ist da, und ein Duschraum, mit einem Fabrikskessel als Warmwasserreservoir und mit einer Feuerspritzenpumpe, die den »Hochdruck« liefert. Und der mächtige Hofraum ist ein Gewimmel von Soldaten, Pferden und Lastkarren, ein Durcheinanderhuschen von ruhelosem Fleiß.
Weiter geht die Fahrt, über kahles Feld. Bald müssen wir halten — das Auto kann oder darf aus irgendwelchem Grunde nimmer vorwärts. Ich stehe auf dem Acker, gucke herum und frage mich: »Was ist da los?« Nichts zu sehen, nur dieses stille, leblose Feld. Hinter dem Dunst des trüben Tages liegt da und dort ein Dorf. Und überall dunkle, kleine, niedliche Wäldchen. Ich denke mir noch: »Das müßte eine gute Fasanengegend sein!« Da hör' ich irgendwo in der Luft einen merkwürdigen Vogel singen. So ähnlich klingt es, wenn eine Radfahrersirene zu pfeifen anfängt. Mit uuuuh beginnt es, und mit iiiih hört es auf. Neben dem Saum eines nahen Wäldchens fährt weißer Dampf in die Höhe, der sich in schwarzen Rauch verwandelt und wie zum Qualm einer Brandstatt wird. Eine halbe Sekunde später ein schwerer Donnerschlag. Jetzt kapiere ich: was ich sehe und höre, ist der Einschlag einer französischen Granate. Alles ist schon lange vorüber, da hört man erst, acht oder zehn Sekunden später, den fernen Hall des feindlichen Geschützes.
Auf dem weiten Felde ist kein Mensch zu gewahren. Doch! Mit dem Glas erkenne ich einen Soldaten, der nahe bei dem Wäldchen ruhig in einem Acker steht; er hat ein Notizbuch in der Hand und notiert etwas. Sehr friedlich sieht das aus. Wieder dieses Sausen in der Luft, wieder der aufwallende Rauch, ähnlich dem Atemzug eines vulkanischen Kraters, und wieder dieses Dröhnen. Eine um die andere kommt, über vier oder fünf Kilometer von der unsichtbaren feindlichen Stellung her. Und immer näher rücken sie gegen das Auto. Die beiden freundlichen Offiziere, deren Gast ich bin, wünschen sehr lebhaft, mich wieder im Auto zu sehen. In jagender Fahrt geht es davon. Hinter uns immer diese dumpfen Paukenschläge. Ob eine Granate zu der Stelle kam, wo unser Auto gestanden, weiß ich nicht. Wohl kaum. Die Beschießung gilt einer deutschen Batterie, die am Saum des Wäldchens vergraben liegt, aber an einer ganz anderen Stelle. Die Franzosen tasten seit Wochen in kostspieliger Munitionsverschwendung den ganzen Umkreis des Gehölzes mit Granaten ab, suchen immer diese fein versteckte Batterie und können sie nicht finden. Gott sei Dank!
Die deutschen Kanonen bleiben stumm, und nach einer Viertelstunde schweigen auch die französischen Geschütze.
Auf einem Umweg kehrt das Auto zu dem beschossenen Wäldchen zurück. Wir halten an der Somme, bei einer zerstörten Mühle, vor der eine von unseren berühmten Feldküchen dampft und sehr einladend duftet. Zum Kosten fehlt es an Zeit, wir müssen vorwärts. Überall Soldaten, überall Munitionswagen, überall Reiter und Radfahrer. Wir sind in der Nähe der deutschen Front. Durch Rübenfelder, deren ungeerntete Früchte schon wieder frische Blättchen zu treiben beginnen, blaßgrün wie junger Salat, kommen wir zu dem von den Franzosen angepulverten Wäldchen. Und jetzt soll ich die deutsche Batterie entdecken, die da steht! Ich habe ein Glas mit achtfacher Vergrößerung; immer gucke ich, aber ich finde nichts. Wohl sehe ich Prügelwege, die durch knietiefen Kot führen, sehe verschlammte Zufahrtswege und viele künstlich eingesteckte Bäumchen, aber keine Batterie. Man muß mich dicht vor das in die Erde eingegrabene Geschütz hinführen, damit ich merke, wo es steht. Die Höhlung ist bedeckt mit einem schön gewölbten Holzdach, das auf der Somme von einem französischen Schleppschiff abgenommen wurde. — (Ganz wundervoll ist das, wie unsere Feldgrauen alles und jedes, was sie finden, für den besten und nützlichsten Zweck verwenden, dem es dienen kann. Was hier französisches Gut heißt, wird deutsche Wehr und Waffe.) — Über dem Schiffsdeck ist wieder dicke Erde und wieder ein künstliches Gebüsch, als Deckung gegen die Späheraugen der Flieger. Unten nur ein schmaler Einschlupf, auf der anderen Seite die Ausschußöffnung für die Kanone. Zärtlich streiche ich das metallene Rohr, das für unser liebes Deutschland schon viele wirksame Donnerkeile aussandte. Und den klugen, lachenden Kanonieren drücke ich die Hände.
Man zeigt mir ein deutsches Geschoß und ein belgisches von gleichem Kaliber — die beiden sehen nebeneinander aus wie ein Mann und ein Kind. Solange die Sache nur Geplänkel ist, läßt man die belgischen Kinder fliegen, um deutsche Munition und deutsches Geld zu sparen. Wird's ernst, dann kommen unsere eisernen Männer dran. Ganz fürchterlich schlagen sie drein. In einem Kellerloch sind sie zu hohen Stößen aufgeschichtet, um ihrer Stunde zu warten.
Nun spaziere ich am Waldsaum entlang, wo ich die französischen Granaten einschlagen sah. Zwischen fünfzehn Explosionstrichtern, die gegen die stubengroßen Granatenlöcher auf dem Fort des Aivelles aussehen wie Spucknäpfe, finde ich vier »Ausbläser« und drei »Blindgänger«.
Durch Schlupfwege im verwüsteten Walde geht's zu einer Stelle, die genau so aussieht wie alles andere Gehölz. Hier soll ich abermals etwas entdecken. Erst nach längerem Spähen bemerke ich, daß aus einer Bodenstelle des gegen die französischen Linien gerichteten Waldsaumes etwas Bläuliches herauswirbelt. Dampft die Erde? Oder ist's Ofenrauch? Oder Zigarrenqualm? Über ein verstecktes Trepplein geht es hinunter. Das ist die Beobachtungsstelle der Batterie: ein Lehmsalon von etwa vier Quadratmeter; warm wie ein Backofen; immer schwitzen und triefen die Wände; ein Rauch, der die Augen zerbeißt; und ein Zwielicht, an das ich mich erst gewöhnen muß, bevor ich zu sehen beginne. Beim Ausguck steht das Scherenfernrohr; in die Lehmwand sind drei Telephonapparate eingebaut, und eine Ofenröhre dient als Sprachrohr. Ganz mystisch berührt es, wenn aus der Erde heraus die Stimmen quellen, die von der Batterie kommen, vom Unterstand der Mannschaft oder vom Offizierskellerchen. Mit uns dreien, die wir kamen, sind nun sieben Leute in dem kleinen Raum. Umdrehen kann man sich nimmer. Aber man plaudert und lacht — und in dem kleinen Dreckloch ist ein frischer, gesunder Humor, den ich mit Herz und Händen fassen und heimschicken möchte.
Ich sehe noch das feine Kellerchen, in dem der Batterie-Offizier sich aufhält. Das ist ein Lebenskünstler. Er hat ein Tischerl, ein Rokokofauteuilchen und ein zierliches Boudoirsofa, das ihm als Bett dient. Um darauf zu schlafen, ist es freilich viel zu kurz. — »Aber«, sagt er, »wenn man die Beine gegen die Wand hinaufstellt, liegt man ganz ausgezeichnet!« Diese Wand ist mit persischen Teppichen bekleidet, die aus einer kaputtgeschossenen Villa stammen; immer dampfen sie im Kampf zwischen Wärme und Feuchtigkeit, und ihre Farben beginnen unter sprossendem Schimmel zu erlöschen. »Wenn 's Frühjahr wird,« sagt der junge Offizier mit seinem gesunden Lachen, »dann kann ich da Schwammerln züchten! Die eß ich gerne.«
Durch einen Laufgraben, der nicht tief genug ist, um die Köpfe völlig zu schützen, müssen wir geduckt hinschleichen. Dieses stete Niederbeugen des Gesichtes hat etwas Gutes: man sieht immer ganz genau, wie tief die Stiefel in den vom Regen durchweichten Lehm hineinquatschen. — (Neulich versank ein allzu gewichtiger Reserveleutnant bis zu den Hüften; er selber konnte sich nimmer freimachen; als man ihn herauszog, hatte er keinen Stiefel mehr, nur noch einen Socken.)