Immer ist ein feines Pfeifen in der Luft. Und von der Tiefe des Feldhanges, der sich hinuntersenkt gegen das Tal der Somme, klingt ununterbrochen ein lustiges Knallen herauf, als stände da drunten die Schießstätte des Münchner Oktoberfestes.

Einmal, bei einer Biegung des Laufgrabens, sieht man hinunter ins Tal. Bis in weite Ferne kann ich mit dem Glas die aufgeworfenen Lehm- und Kreidesteinwälle der deutschen und französischen Schützengräben verfolgen. Manchmal nähern sie sich einander bis auf siebzig Meter und ziehen sich wieder auf drei-, vierhundert Meter zurück. Diese in die Ferne laufenden, gelben oder weißgrauen Striche bilden seltsame Ornamentlinien — und diese kunstvolle Durchackerung der Natur läuft jetzt von der Kanalküste durch Nord- und Ostfrankreich bis gegen Basel. In diesen Ackerfurchen des Krieges liegt eine Million unserer Feldgrauen und wacht in verläßlicher Treue bei Tag und Finsternis, um unsere deutsche Heimat vor den Bildern der Vernichtung zu behüten, die ich hier auf französischem Boden sehe bei Schritt und Tritt. Seid dankbar, ihr Deutschen daheim! Bleibt ruhig, zuversichtlich und opferfreudig! Und denkt bei jedem Atemzuge an das Kaiserwort: »Soldat und Bürger, die beiden müssen einander helfen, so gut sie können!«

Nirgends in der Landschaft ist ein Mensch zu sehen, alles öde, wie ausgestorben. Drunten im Tal, zwischen den deutschen und feindlichen Erdwällen, entdecke ich mit dem Glas auf einer fahlen Wiese zwei dunkelblaue Körper. Sie bewegen sich nicht, haben aber doch Menschenform und sehen aus wie friedliche Schläfer, die sich mit ihren Mänteln bedeckten: zwei gefallene Franzosen, die der Feind nicht zu holen und zu bergen wagte. So liegen die beiden schon seit dem 30. Oktober. Früher hatten sie vom Morgen bis zum Abend krächzende Gesellschaft; seit Wochen sind auch die Raben ausgeblieben.

Der Laufgraben mündet in einen tiefen Lehmkessel. Früher war da eine französische Stellung, die zurückweichen mußte um zwei Kilometer; noch sieht man die Feuerlöcher und die aufgeschütteten Deckungen, Feldflaschen, Konservenbüchsen, auch eine rote, vom Regen fast farblos gewordene Reithose. Und zwischen Stauden guckt aus der Erde der stumme, grinsende Tod heraus. Ein gefallener Franzose! Seine Kameraden, denen nicht die Zeit blieb, ihn zu bestatten, haben ihn nur fußhoch mit Erde bedeckt. Der Regen hat die Schollen halb wieder davongeschwemmt. Eine skelettierte Hand, die noch im blauen Soldatenärmel steckt, greift sehnsüchtig heraus ins Leben, und der ganze Kopf liegt frei, fast schon ein Totenschädel, aber noch mit Augenbrauen und Haarbüscheln. Die Hirnschale ist völlig zertrümmert — dieser Franzose hatte das Unglück, einem bayerischen Gewehrkolben in den Weg zu geraten.

Das Bild, das sich da herausstahl, aus der gelben Erde, ist nicht widerlich, nicht ekelerregend. Nur ernst, tiefernst und erschütternd ist es.

Du stiller Schläfer! Wer warst du? Wie klang dein Name? Wer weint um dich? Aus welchem Glück bist du herausgefallen, weil England es so begehrte von dir? Wir Deutschen hätten dir Leben und Namen und Glück gelassen. Aber England will bessere Geschäfte machen und seine Dividenden aufwärtsschrauben. Drum mußte dein Leben hinuntersinken! Bist du, früher ein Tor um Englands willen, jetzt unter der Erde ein Wissender geworden? Willst du wieder herauf in den Tag und die Hand erheben, um vor deinem Volk und Lande gegen den britischen Handelsmann zu klagen? — Der Schläfer gibt keine Antwort. Er schweigt, wird ewig schweigen.

Ich wende mich erschüttert ab. Weiter! Wieder in einen Laufgraben hinein, der sich immer tiefer in die Erde wühlt! Eine Wendung, und ich bin im Schützengraben. In langer Zeile seh' ich die Feldgrauen, nein, die Lehmgelben, bei den Schießscharten stehen. Scharf und hastig knallen die Schüsse, hin und her. Und immer wieder fliegt eines von den unsichtbaren Vögelchen, die so wunderlich pfeifen, über unsere Köpfe hinweg, surrt in die Erde hinein oder schlägt mit hellem Klirrton gegen einen Stahlschild.

Etwas Heißes ist in mir. Der schwüle Atem des Krieges hat mich angehaucht.

8.

30. Januar 1915.