Solcher Humor in einer Luft, in der bei jedem Kugelpfiff der Tod auf dem Sprunge nach einem deutschen Leben steht, ist nicht allein als der Ausfluß derber Gesundheit und guter Rasse zu erklären. Der schöne, klare Brunnen solch unverwüstlicher Heiterkeit am Rande des immer harrenden Grabes kann nur aus dem kraftschenkenden Bewußtsein redlichster Pflichterfüllung strömen.

Von dem Frohsinn, den ich hier sehe und höre, fliegen meine Gedanken immer heimwärts. Es ist wahr: wir in der Heimat leisten viel, Tausende leisten weit über ihre Kräfte, und gerade hier, auf erobertem Boden, höre ich immer wieder die herzlichste Anerkennung unseres Heimatwerkes. Aber neben den Opferwilligen gibt es auch Drückeberger, Vorsichtige, Zurückhaltende und Ängstliche. Täten wir alle daheim so bis zum letzten Atemzug unsere deutsche Pflicht, wie diese Getreuen hier im Schützengraben, dann wäre nicht ruhelose Ungeduld in vielen von uns, sondern Ruhe, Zuversicht und frohe Festigkeit wäre in uns allen. Da würde der Groschen nicht zählen, den wir verlieren, keine Bedrängnis unserer wirtschaftlichen Lage, keine nötige Einschränkung, keine Sorge und kein Opfer unseres Lebens! —

Der Schützengraben macht eine Wendung und ich stehe vor einem Bilde, das mich tief ergreift. Außerhalb des Grabens, gegen die französische Seite hin, ragt zwischen laublosen Bäumen ein mächtiges Feldkreuz in die Luft. Nicht nur das schwarze Kreuzholz, sondern auch das farbig bemalte, überlebensgroße Schnitzwerk, das den Erlöser zeigt, ist von vielen Kugelschüssen durchsplittert, von Schüssen, die aus der französischen Stellung kamen. Und der zerschossene Leib der ewigen Güte hält die Arme ausgebreitet mit einer großen, heiligen Gebärde, aus der etwas Schützendes und Hilfreiches zu mir redet.

Einer von den beiden Offizieren, die mich geführt haben, sagt nach einer Weile: »Es wird Abend. Irgendwo müssen wir umkehren. Das geht ja hier so weiter bis nach Ostende.«

Auf dem Rückweg gibt's einen Aufenthalt. Eine Lehmwand ist heruntergebrochen und hat auf zehn Schritte weit den Graben verschüttet. Vier Soldaten schaufeln, daß ihnen der Schweiß von den Gesichtern tropft; mehr können bei der Enge des Grabens an der Ausbesserung des Schadens nicht arbeiten. Während wir wartend dastehen, schlüpft einer, der mich kennt, durch das Türloch seines Höhlchens heraus — einer aus der Garmischer Gegend, der mich vor Jahren einmal auf die Alpspitze führte. Er begrüßt mich so herzlich und freudig, als wäre seine Heimat mit Haus und Berg zu ihm gekommen. Während wir schwatzen, immer von daheim, treten noch ein paar andere zu uns, jeder so gelb wie sein Kamerad, aber jeder mit dem gleichen, ruhigen, gesunden Gesicht. Allerlei Fragen richten sie an mich — gar manche ist darunter, die zu beantworten mir schwer fällt. Einer, mit dürstender Sehnsucht in den Augen, fragt mich: »Was meinen S', wie lang wird's denn noch dauern?«

Ich suche nach Worten. »Da bin ich überfragt. Es ist möglich, sogar wahrscheinlich, daß auf dem Festland die Hauptsache schon in sechs bis sieben Wochen zur Erledigung kommt. Aber es kann auch noch ebensoviele Monate dauern.«

Nach kurzem Schweigen eine feste Soldatenstimme: »No ja, muß man halt aushalten! Durchreißen tun wir's alleweil, so oder so!«

An dieses tapfere, zuversichtliche Wort schließt sich eine etwas wunderliche Frage, die mit dem vorausgegangenen Gespräch keinen Zusammenhang zu haben scheint. Dennoch ist eine Beziehung vorhanden. Eine sehr ernste.

»Sie, sagen S' amal, ob dös wahr is, was die Meinige allweil schreibt: daß daheim in der Stadt die jungen Weibsbilder so ausg'schaamt in die Kaffeehäuser hocken, pariserisch anzogen, daß man d' Haxen sieht bis halbert zur Grattl auffi?«

Trotz der derben Ausdrucksweise lacht keiner von den Lehmgelben; sie scheinen die Frage für eine sehr wichtige und würdevolle zu halten. Ich schüttle den Kopf. »Nein! So stimmt das nicht. Unsere deutschen Frauen und Mädchen sind da nicht gemeint. Nur ein paar dumme Modegänse, ein paar krankhafte Auslandsaffen. So was zählt doch nicht.«