Einer sagt: »Dö sollten uns anschauen!« Ein anderer brummt: »Bal s' vier Nächt lang da im Graben hocken müßten, in der nassen Sooß, bis übers Knie nauf, i glaub, dö taaten si' bald an andre Montur verlangen!« Und ein dritter gibt den Rat: man sollte diesen Ausnahmen jeden Tag ein paarmal jene Sache vollhauen, die Goethe durch einen Gedankenstrich bezeichnete — von diesem Gedankenstrich weiß natürlich der lehmgelbe Pädagoge nichts, er gebraucht im Ärger sehr ungeniert das übliche Volkswort.
Der Weg ist ausgeschaufelt. Wir können weitergehen. Ich komme an dem Rotbärtigen vorüber, der das Gewehr im Anschlag hat und immer lauert, ganz unbeweglich.
Nach wenigen Schritten gewahre ich etwas Seltsames. Beim Herweg fiel es mir nicht auf, erst jetzt entdecke ich's. Will mitten im harten Winter der grüne Frühling kommen? Eine Bodenstelle des Schützengrabens ist dick mit frischem, spannenlangem Gras überwuchert. Gras? Nein! Das ist junges Getreide. Von den ungedroschenen Garben, die ein Feldgrauer vor vier Monaten in seinen Unterschlupf hineinstreute, sind die Körner abgefallen und in die nasse Erde hineingetreten worden. Jetzt gehen sie auf. Ich sehe dieses frische, üppige Grün, und etwas Freudiges, Warmes und Hoffnungsvolles ist mir im Herzen.
Drunten bei den Franzosen kracht ein Schuß. In der Luft das feine Singen. Und wenige Schritte hinter mir spritzen von der Holzversteifung einer Schießscharte die Splitter weg. Jetzt ein Schuß im deutschen Graben. Dann die ruhige Stimme des Rotbärtigen, den ich nimmer sehe: »No also! Endli amal!«
Ich brauche nicht umzukehren. Auch ohne zu fragen, weiß ich, was der kurze, zufriedene Monolog des Rotbärtigen bedeutet. Wohl denke ich auch daran, daß jetzt da drunten im roten Stadel ein Leben verblutet; aber vor allem muß ich denken: daß unsere Feinde wieder weniger wurden um einen.
Ein langer Weg noch, durch den Laufgraben und über die dämmernden Rübenfelder.
Kanonenschüsse und Granatenschläge dröhnen in rascher Folge. Die Franzosen tasten wieder nach der deutschen Batterie umher und können sie nicht finden.
Beim Einsteigen in den Wagen bemerke ich, daß ich nicht viel anders ausschaue als die Lehmgelben im Schützengraben. Ich fühle aber doch einen beträchtlichen Unterschied. So heiß, wie an diesem Abend, hat noch nie die Frage in mir gebrannt: »Was kann ich leisten als Bürger, wie kann ich nützen?«
Im Westen ein leuchtender Streif und drüber ein zartes Blau und Weiß. Auch die Höhe klärt sich auf, und ich sehe den Schimmer des Vollmondes. Der Kaisertag hat gutes Wetter gebracht. Bleibt der Himmel so, dann werden es die Unseren im Schützengraben besser bekommen.