Heller und heller wird der Morgen. Kleine Städte mit lieblichen Silhouetten huschen vorüber und Dörfer, in denen schon die Arbeit des Tages beginnt. Von außen klingt keine Stimme herein in den rauschenden Zug; aber man sieht eine ruhige Heiterkeit in allen Gesichtern.
Gut gepflegte Wälder wechseln mit sauber abgeernteten Fluren, auf denen der milde Winter das Grün schon daumenhoch wachsen ließ. Dann wieder die braunen Spitzdächer zwischen großen Obstgärten, in denen die regelmäßigen Reihen der Apfelbäume mit den kalkweiß angestrichenen Stämmen aussehen wie Nymphenburger Tafelaufsätze.
In der Nähe und in der Ferne mehren sich die hoch emporgestreckten Schornsteine der Industriestätten. So viele sind es, daß man glauben könnte, Gott hätte soeben durch diesen erwachenden Morgen vom Himmel herunter gerufen: »Fleißiges Volk der Deutschen, wo bist du?« Und unzählige riesige Steinfinger fuhren in die Höhe: »Da bin ich!«
Unter dunstigen Schleiern schwingen sich drei mächtige Bogen über blaue Lufträume hinüber: eine Rheinbrücke!
Rhein!
Tausend deutsche Lieder klingen aus diesem Worte, tausend Bilder der Vergangenheit tauchen herauf aus der schimmernden Tiefe dieser einen Silbe. Von allen Zukunftsbildern, die sich mit dem Rhein verweben, seh' ich nur immer dieses Eine mit dem ewigen Eigenschaftsworte: Deutsch!
Der Morgen ist klar geworden, mit einem weißen Himmel, aus dem wie ein winkender Feuerfinger das Mondviertel herausbrennt. Mit hell erwachenden Farben wellt sich die Umgebung von Mainz in die Ferne, eine reizende, liebenswürdig gegliederte Landschaft.
Jetzt fahr' ich über die drei hohen Eisenbogen, die ich vor einer Weile gesehen. Wie eine wohlhabende und ordnungsliebende Hausfrau vor einem befreundeten Gast ihre Laden und Truhen öffnet, so kramt eine große, fleißige deutsche Stadt ihre Straßen, Gassen und Häuserfluchten vor mir aus.
Der Zug taucht in den langen Tunnel hinein, der die alten Festungswerke durchschneidet. Die Finsternis endet, strahlendes Licht, wieder das weite Städtebild und in den Straßen die Menschen, von denen noch keiner einen Geißelschlag des tobenden Krieges zu fühlen bekam. Jeder fühlte nur den Segen der friedlichen Ruhe im Herzen des Deutschen Reiches.
Nebel kämpfen, langgestreckte Wolkenzüge umwürgen die Weinberge und die Waldhöhen, und unter den Dunstfahnen des Himmels mischen sich die langen, braunen Rauchwimpel der Fabrikskamine.