Jetzt ein entzückendes Bild! Die über weite Flurstrecken hinreichenden Krautgärten der Mainzer Vorstadt sind überflattert von einem weißen Möwengewimmel. Dahinter glänzt die lange Silberborte des Rheines mit gleitenden Schiffen in allen Farben.

Ein kleines friedliches Dorf. Viele Frauen und Kinder. Alle lachen und rufen, alle winken mit weißen Tüchern — aus den Fenstern meines Zuges gucken wohl viele, viele Soldatengesichter heraus? Immer aufs neue wiederholt sich dieses Bild der grüßenden Frauen, Mädchen und Kinder, das Bild dieser weißen Flattergrüße. Mir gelten sie nicht. Ich bin ein Überflüssiger, ein Nutzloser, ein Altgewordener ohne Waffe in der Faust!

Nun fliegt an mir ein seltsames Bild vorüber, dessen Symbolik mich tief ergreift: Ein großes umzäuntes Flurgeviert, durchsetzt mit regelmäßigen Reihen kleiner, weiß bemalter Kreuze. Ein Friedhof? Eine Gräberstätte? Ein Garten des Todes? Nein! Es ist ein junger deutscher Weingarten mit sprossenden Reben, dessen blattlose, dem nahen Frühling entgegendürstende Ranken sich emporstrecken über die weißen, kreuzförmigen Stützen.

Jetzt geht ein köstliches Funkeln und goldenes Erblitzen über alle Höhen und Tiefen der schönen deutschen Erde hin.

Du friedsames, du verheißungsreiches, du sonnbeglänztes Land des heimatlichen Bodens! Alle Kräfte meiner Seele grüßen und lieben dich! Komm und nimm, was ich habe, komm und nimm, was ich bin! Dir will ich dienen, mein ganzes Leben soll nichts anderes sein als ein geduldiges Mich-Einfügen in dein Wachsen und Erblühen, nichts anderes als ein Samenkorn auf dem Acker deiner werdenden Größe! —

Meine Augen trinken das Bild der friedlichen Landschaft. Schwärme von Wildenten rinnen auf den Altwässern und Kanälen des Rheines umher. Vor Bingen sieht man die Bogen einer neuen Brücke entstehen, die eben gebaut wird. Welch ein Gegensatz: der Gedanke an den Krieg, den wir führen — und das erhebende Bild dieses deutschen Friedensfleißes!

Der rauschende Zug lenkt gegen Südwesten ab, und die Weinberge und das Silberband des Rheines gleiten von mir zurück. Scharf hebt sich noch der zierliche Umriß einer alten Burg vom sonnigen Himmel ab und fängt zu wandern an und verschwindet. Auf Wiedersehen, du deutscher Rhein, du flutende, rauschende Lebensader des Deutschtums!

Die Fahrt geht durch ein enges Flußtal. Auf der einen Seite die Hügelkette mit den Weinbergen, deren Stabgewirre anzusehen ist wie ein endloser Zug von Lanzenreitern, die sich hinter braunen Erdwällen verbergen und nur die Spitzen ihrer Speere gewahren lassen; auf der anderen Seite der mit Dörfern und Städtchen besetzte und mit alten Steinbrücken überspannte Fluß, den die Regenmassen der letzten Wochen braun und reißend gemacht haben. Alle paar hundert Schritte stehen Fischer mit Angelstöcken oder Tauchnetzen, und Buben rennen mit Netztrichtern an langen Stangen. Alle sind sehr vergnügt. Die denken im sicheren Frieden ihrer Heimat wohl gar nicht an den Krieg, den irgendwo da draußen oder da hinten die Völker miteinander führen.

Das enge Tal weitet sich zu schönen Geländen, durchblitzt von Wasserläufen, überwölbt von einem leuchtenden Himmel. Die Welt sieht aus, als möchte der Frühling um drei Monate früher kommen als sonst. Jeder Windhauch trägt mir den Wohlgeruch der bräutlichen Erde entgegen, auf allen sonnseitigen Hängen wuchert das frische Grün — es fehlen in diesem verfrühten Frühlingsbilde nur die Schwärme der Wandervögel. Aber fliegt da nicht der lange feldgraue Wanderzug, in dessen Mitte ich selber mitflattere als brauner Kuckuck? Der Frühling des Deutschtums hat Wandervögel in unzählbarer Menge.

Die Nähe von Metz verrät sich. Jeder Tunnel, jede Brücke, jede Wegübersetzung ist militärisch bewacht. In den Bahnhöfen, in denen Züge sich kreuzen, tauchen Soldaten auf, die aussehen, als hätten sie am Morgen noch in den lehmigen, von Regensumpf erfüllten Schützengräben gelegen. Stiefel, Uniform und Mantel, alles ist erdfarben, und bei manchem dieser Tapferen ist das Band des Eisernen Kreuzes anzusehen, als wär's eine österreichische Auszeichnung: schwarz-gelb.