Junge Offiziere empfangen mich, liebenswürdig und gastfreundlich. Wie alt muß ich schon sein, weil auch ein Major für mich noch aussieht wie ein Jüngling in Uniform! Ein flinker, prächtig mundender Imbiß in solch einem kleinen, ganz gemütlichen Kellerchen. Dann geht es hinaus. Überall, wohin meine Augen im Walde fliegen, seh' ich Arbeit, Arbeit und Arbeit. Wege werden gebaut und mit Prügeln gepflastert; hier gräbt man Rinnen zur Trockenlegung des Bodens und zur Ableitung des Wassers; eine steile, rutschige Waldtreppe wird ausgebessert — es steht da auf einem Täfelchen: »Gasteiger Anlagen, Automobile fünfzehn Kilometer.« Hier baut man neue Unterstände für je dreißig Mann, überwölbt sie mit Wellblech und behütet das Dach mit dicker Lehmlage. Dort, im Gewirr der Stauden, geht es reihenweise hin und her, da schleppt man die Eisenbahnschwellen, die Bretter, die Balken und Pfähle, die Strohgarben und Lattenroste durch den Wald hinauf, und droben wird alles zurechtgelegt für die Nachtarbeit, bei der diese notwendigen Dinge auf Pfaden, die man am Tage wegen der singenden Vögelchen nicht begehen kann, in die Schützengräben wandern. Dieses Gewimmel fleißiger Arbeit — das ist die »Ruhepause« unserer Feldgrauen! Schließt man die Augen und sieht diese schleppende Plage nimmer, so glaubt man wirklich an heitere Ruhe, denn immer hört man ein Lachen, überall klingen fröhliche Worte.

Ich sehe zwei von unseren gesegneten Feldküchen am Werke; sie brodeln und qualmen und riechen gut und werden am Abend den gesunden Hunger der Unseren stillen. Wie eine liebe Freude ist dieser Gedanke in mir! Und da greift mir plötzlich etwas Hartes und doch etwas wunderbar Schönes an den Hals und tief in das Herz hinein — ich stehe vor dem »Waldfriedhof«! So nennen sie diesen kleinen stillen Platz. Zwischen vier großen Eichen haben sie sauber gemacht, den Weg besandet und einen Zaun gezogen. Alles, was in dem schneelosen nordfranzösischen Winter immergrün ist, das haben sie weit in der ganzen Gegend gesammelt, haben es hier mit den Wurzeln eingepflanzt und haben es so sorgsam gepflegt, daß es schon jetzt zu treiben beginnt und neue Blätter bildet: Lorbeer und Stechpalme und Buchs und Efeu. Aus den zerschossenen Dörfern haben sie Marienstatuettchen und Kruzifixe herbeigetragen, eins für jedes Grab — und haben die Holzkreuze schön ausgeschnitten, haben sie bemalt, haben in hübscher Schrift die deutschen Heldennamen draufgeschrieben, haben rührend kindliche Verse gedichtet — und haben so diesem ernsten Platz, auf dem die grün geschmückten Hügel in breiter Reihe liegen, etwas Heiligfrohes gegeben, etwas Frühlingshaftes in aller Kahlheit dieser Winterszeit. Das ist keine Stätte des Todes — das ist ein grüner Tempel der Auferstehung und des ewig blühenden Lebens.

Meine Deutschen! — — Wenn du von denen sprichst, du Philosoph aus Fürstenfeldbruck, dann mußt du anders sagen: »So ein Prachtvolk auf der Welt!« — Solch ein Volk? Und untergehen? Nicht Sieger und Lebensgärtner auf Erden bleiben? Dieser Gedanke wäre Irrsinn oder verbrecherischer Zweifel an Gottes logischem Schöpferwillen!

Das deutsche Bild, das ich gesehen, verläßt mich nimmer! Heiß zittert in mir die dankbare Ehrfurcht nach, während ich hinter den führenden Offizieren hinaufwate durch den engen, pfützigen Lehmgraben, dessen Boden und Wände mich einwickeln in gelben Schlamm. Immer weiter führt er hinaus in das vom schärfsten und gröbsten aller Pflüge, vom Pflug des Krieges, durchackerte Feld. Immer knallt es und dröhnt. Wieder muß ich an ein friedliches Schützenfest denken — so pufft und donnert es immer, wenn gegen Abend die Schützen sich beeilen, und wenn im guten Büchsenlicht vor der Dämmerstunde bei vielen Punktschüssen die Böller gelöst werden.

Jetzt stehe ich auf der Wallbank und spähe durch die Scharte eines Stahlschildes nach der feindlichen Stellung hinüber. Ein Grauen, das mir durch alle Knochen rieselt, macht mich schauern wie bei Frost. Da draußen liegen sie. Es sind nicht die ersten verwesenden Toten, die ich sehe. Aber in solcher Menge! Zorn und Ekel und Erbarmen kämpfen in mir. Dreiundfünfzig kann ich zählen. Jene, die am mutigsten waren, liegen weit voran, jeder für sich allein — hinter ihnen die anderen, zuerst eine kurze, dann eine lange Reihe. Manche liegen wie behagliche Schläfer; manche sehen aus, als wollten sie eben aufstehen und hätten in den Beinen einen Krampf bekommen, der sie unbeweglich machte; andere haben die Füße hochgeschlagen, wie erstarrt inmitten eines Purzelbaumes; einer gleicht einem orientalischen Beter, der auf den Knien liegt und mit ausgebreiteten Armen die Stirne zur Erde beugt; und einer scheint wie in wildem Zorne stumm zu lachen und hält die beiden geballten Fäuste gegen den Himmel gestreckt. Ganz braun sind diese Fäuste, so braun wie die Fäuste eines Arabers. Und die gleiche braunschwarze Farbe liegt auch über allen Gesichtern dieser einst weiß gewesenen Europäer — soweit ihre Gesichter noch vorhanden sind. Vögel und Mäuse haben da schon ihre abmindernde Arbeit getan. Die Farben der Mäntel und Uniformen sind verblichen; und jenen Toten, die beim Sturz das Käppi verloren, hat der wochenlange Regen das Haar über Stirn und Schläfe gekämmt. So liegen sie seit dem 18. Dezember; und ein Dutzend Schritte hinter diesen von aller Heimat Verlassenen, die doch tapfere Helden ihres Volkes waren, schlafen und essen und trinken im französischen Schützengraben ihre lebenden Brüder! Denen boten die Deutschen einen Waffenstillstand zur Bestattung ihrer Gefallenen an. Die Franzosen lehnten ihn ab. Warum? Weil sie darin einen Vorteil für die Deutschen witterten? Weil sie glaubten, der stete Anblick dieses Todes würde die Deutschen verzagt machen? Oder weil sie hofften, dieser Leichenwall würde ihr empfindliches Ohlala-Häutchen vor den bayerischen Gewehrkolben behüten? Oder nur, weil sie zu zivilisiert und zu faul waren, um eine etwas mühsame und unästhetische Pflicht der Pietät zu erfüllen?

Fürstenfeldbrucker! Ich will beim Gedanken an diese verlassenen Toten dein zorniges Philosophenwort nicht nachsprechen. Aber recht hast du!

Nach diesen Minuten des Schauders ist mir der Anblick unserer Feldgrauen, die den Waldfriedhof anlegten, wie Erlösung und Trost, wie aufatmende Befreiung.

Der Schützengraben, in dem ich da stehe, ist einer der niederträchtigsten — nur haltloser Lehm, immer in rutschender Bewegung, alles eine Spottgeburt aus Dreck und Wasser. Mit Spaten und Brettern, mit Flechtwerk und Lattenrost kann man dieses klebrigen, schleichenden Feindes nicht Herr werden — nur mit Humor. Recht bezeichnend heißt eine Strecke dieses Schützengrabens das »Pfuiteufelgasserl«. Ein Verbindungsgang hat sogar einen variablen Namen: bei leidlich trockenem Wetter heißt er »König-Ludwig-Straße«; steigt das Grundwasser, so heißt er »König-Ludwigs-Kanal«. Und in einer Grabensenkung, die immer Wasser hat, bis übers Knie herauf, zeigt ein Täfelchen die Inschrift: »Bitte nicht auf den Boden spucken!« Man begreift da den Sänger aus dem feldgrauen Volke, der sich in einer lyrischen Schilderung des ihm geläufigen Milieus zu dem Verse verstieg:

»Der Schützengraben, wenn ich nicht irr',
Ist dem heiligen Peterl sein Nachtgeschirr!«

In einem Höhlchen sitzen drei mit gekreuzten Beinen wie Türken und spielen Tarock. Einen hör' ich sagen: »Daheim ist daheim!« Nebenan spielt einer die Mundharmonika, sein Kamerad singt leise dazu, ein bißchen melancholisch — und ich höre im Vorübergehen den Vers: