»Jatz hot sie einen andern Buam!«

Auf dem Türchen eines Schlupfes steht: »Meilerhütte« — auf dem nächsten: »Arminshütte«; da hausen Mitglieder des Alpenvereins; einer ruft mir zu: »Dös weard jetzt wieder a schöner Roman, gelt?« Und weil ich auf dem Hirndach eine ziemlich dicke Mähne habe, die sich in meinen drei Feldwochen schon merklich streckte, winkt mir ein Lachender: »Sö, i bin Frisör, soll i Eahna vielleicht d' Haar stutzen?« Und beim Sausen eines Haubitzenschusses hör' ich, wie einer warnt: »Obacht, a Rollwagerl kimmt!«

Einer sitzt ruhig in seinem Höhlchen und guckt aus der Liebesgabenkopfhaube heraus wie ein mittelalterlicher Ritter aus seinem Eisenhut. Ich frage: »Ist's warm da drinnen?« Er lacht: »Hundskalt! Aber halbert trocken, Gott sei Dank! Vor acht Tagen hast allweil gmoant, du mußt a Fisch wearn!« Ein anderer fällt ein: »Ah, dös is gut so! Früher, daheim, da is man so von eim Tag in andern einitorkelt, und nie hat man verstanden, was man hat vom Leben. Jetzt, bal i heimkomm, jetzt weiß i, was 's Leben wert is und wie man leben muß!«

An dem meterbreiten Zwischenraum zweier Unterschlupfe ist eine Blechtafel befestigt: »Hier ruht in Gott ...« Ehe der Schützengraben ausgehoben wurde, begruben hier die Deutschen einen Unteroffizier; diese Erdstelle ließ man beim Bau des Grabens unberührt; zur Rechten und Linken des Todes wärmt sich jetzt und ruht und schlummert das gesunde Leben.

Während des Weiterstapfens durch den Graben erzählen mir die Offiziere von dem mißglückten Durchbruchversuch der Franzosen am 18. Dezember. Mitten im heißesten Gefecht ereignete sich da ein heiteres Intermezzo. Ein Bayer, der mit dem Bajonett losrennen wollte, erkannte in seinem Feind einen »Spezi«, der drei Jahre in München als Kellner gedient hatte. »Jesses! Du? Was tust denn Du da?« Der Franzose antwortete im reinsten Münchnerisch: »Durchbrecha tean mer.« Und der Bayer lachte: »So so? Da gib nur glei' dei' G'wehr her!« Die Sache war erledigt.

Im Unterstand eines Artillerieleutnants bekomme ich noch ein kleines, verheißungsvolles Stilleben zu sehen: das Fensterchen ist mit sprossenden Efeustöcken bestellt — und die Blumentöpfe bestehen aus feindlichen »Ausbläsern«, aus den Stahlhülsen französischer Granaten, die keinen Schaden anrichteten.

Steil geht's hinunter und drüben noch steiler hinauf; ein Drahtseil ist angebracht, wie bei einer gefährlichen Kletterstelle im Hochgebirge. In der Mulde ist der Wall Schulter an Schulter besetzt. Und drüben, wo es aufwärts geht, an etwas exponierter Stelle, warnt mich der Offizier: »Den Kopf ducken! Für die Stelle haben die Franzosen drüben einen Spezialisten.« Nicht weit von dieser Platte ist in der vergangenen Nacht ein junger Fähnrich bei einer Erkundung gefallen.

Meine Führer wollen umkehren, wir sind an der Grenze ihres Gebietes; aber der junge freundliche Leutnant des Nachbargrabens erklärt: »Wir haben was da droben, das muß man sehen!« Mit flinker Kletterei geht es aufwärts.

Ja! Das mußte ich sehen: die Madonna im Schützengraben! Früher stand sie draußen an einem Feldweg, zwischen der deutschen und der französischen Stellung, immer von den Kugeln bedroht. Vier stämmige Bayern haben sie in einer finsteren Nacht hereingeholt in den Graben: eine lebensgroße Mutter Maria mit dem Kinde, aus schwarzem Eisenguß. Der Schöpfer dieses Bildwerkes muß halb ein Künstler, halb ein Bauer gewesen sein. Etwas Naiv-Rührendes spricht aus dem zarten Schmalgesicht der Maria, wie aus der spielenden Geste des heiligen Kindes. Nun steht diese schwarze Madonna kugelsicher in einer Lehmnische des deutschen Schützengrabens, ist mit Buchs umkränzt, mit Efeu umwunden — und unsere Feldgrauen, ehe sie sich schlafen legen, knien da, mit der Mütze vor der Brust.

Die sinkende Dämmerung umwebt das Bildwerk mit immer dichter werdenden Schleiern. In mir ist ein Sinnen, so andächtig und froh, wie ein gläubiges Gebet. Dann steigen wir über das offene Feld zum »Bayerischen Hölzl« hinunter und brauchen dabei die Köpfe nimmer zu ducken; für den »Spezialisten« im französischen Schützengraben ist es bereits zu dunkel geworden.