Eine deutsche Batterie gibt noch vier Schüsse ab. Ihr Hall und das Krachen der platzenden Granaten weckt ein langrollendes Echo an den Waldsäumen. Abendläuten im Felde!

Ich werde bleiben bis zum Morgen, weil ich die »Nachtruhe« der Feldgrauen am eigenen Leib erfahren will. Was man würdigen soll, das muß man kennen.


4. Februar 1915.

Draußen die Nacht, von der man nicht sagen kann, daß sie still ist. Nur dunkel ist sie.

Wir sitzen zu fünft bei einer schmackhaften Mahlzeit im »Offizierskasino« des Schützengrabens. Unter der Erde liegt es, ist zwei Meter breit und drei Meter lang. Steigt man aus der Oberwelt über das Trepplein herab, so muß man sich sehr tief bücken, sonst gibt es gleich zwei Beulen, eine an der Stirn und eine am Hinterkopf. Hat man aber diese Gefahr überwunden, dann wird die Sache ganz reizend.

An die dreißig solcher Hütten und Kellerchen hab' ich schon besucht; in allen merkt man die gleiche deutsche Sehnsucht: ein Heim zu haben, in dem man sich gerne aufhält.

Naturherd aus gedörrten Lehmpatzen oder eisernes Öfelchen, beide haben die verwandte Eigenschaft: sie rußen und rauchen. Aber das macht nichts. Den Ruß kann man wieder hinauskehren, und gegen den Rauch kann man die Tür aufmachen — wenn's nicht gerade hereinpritschelt. Von den Lehmwänden schwitzt immer die Nässe durch; aber in der Wärme von Ofen und Menschen verdunstet sie wieder. Die nachrutschenden Erdmauern haben das beharrliche Bestreben, die Verschalungsbretter krumm zu biegen und herauszudrücken; dann werden sie eben wieder aufgepölzt und festgenagelt; das hilft mit Sicherheit einen oder zwei Tage. Daß es von oben hereinregnet, das ist ja eine ganz natürliche Sache; ein verständiger Mensch wird sich gegen die ewigen Gesetze der Schwere und des Falles nicht auflehnen. Etwas irritierend wird die Sache, wenn das Wasser von unten heraufquillt; na, da schöpft man eben und schöpft und schöpft — und schließlich kommt man zu der beruhigenden Überzeugung, daß auch hier eine sehr alte Naturnotwendigkeit mitspielt: nämlich das Gesetz vom Gleichgewicht der Flüssigkeiten. Wir haben doch das in der Schule gelernt, daß das Wasser in den beiden Schenkeln einer gebogenen Glasröhre gleich hoch stehen muß. Wenn also draußen das Lehmwasser bis ans Fensterchen steigt, muß es sich einen Meter tiefer auf dem Stubenboden herinnen doch auch ein bißchen zeigen. Und da sucht sich der kluge Mensch eben nach Kräften zu schützen. Das ist das Wunderbare im Feld: man wird so ruhig, daß man mit allem einverstanden ist und mit allem fertig wird.

Aber jetzt fragt einmal eine von unseren braven deutschen Hausfrauen daheim: ob sie nicht längst schon im Irrenhause wäre, wenn sie das vier Monate hätte mitmachen müssen. Sie wäre schon während der ersten vier Tage in Verzweiflung geraten über die sonderbaren Flecken, durch die bei solchen chronischen Wasserbewegungserscheinungen die Tapeten in den seltsamsten Ornamenten gesprenkelt werden. Man könnte der Frage nähertreten: ob man nicht einmal durch Parlamentsbeschluß die Frauen in den Krieg schicken sollte. Ich denke sehr gut von ihnen, bin aber doch überzeugt, daß sie viel nachsichtsvoller und geduldiger heimkehren würden, als sie waren, da sie auszogen.

Ja, wahrhaftig, diese Kellerchen sind tapeziert! Manchmal nur mit Zeitungspapier und den Packbogen unterschiedlicher Liebesgaben. Zuweilen aber auch mit persischen Teppichen, die aus einer nordfranzösischen Villa stammen und — wie ich bereits erzählte — sich schon nach der zweiten oder dritten Woche durch lebhafte Pilzbildung auszeichnen, um sich schließlich in Warmbeete zur Züchtung von Schwammerlingen zu verwandeln.