An derart gestalteten Wänden sind nun allerlei nette Dinge angebracht. Nie fehlt das Brettregal, auf das man die Schuhschmiere, das Liebesgabenklosettpapier oder sonstige Kulturgegenstände hinauflegen kann. Irgendwo ist immer ein möglichst wasserdicht gemachtes Archiv für Schreibmappe und militärische Akten angebracht. Die reiche, mit Sorgfalt und Liebe gesammelte Kunstgalerie besteht aus kolorierten Kupferstichen, die aus dem Schutt der niedergeschossenen Bauernhäuser herausgeholt wurden, aus den vielen Ansichtskarten, die von daheim gekommen, aus Titelblättern der »Jugend« und aus Kriegsbildern des »Simplicissimus«. In dem Offizierskasino, in dem ich mich augenblicklich befinde, ist sogar eine Schwarzwälderuhr vertreten; aber sie geht nicht; infolge der andauernden Feuchtigkeit ist das ganze Räderwerk zu einem unentwirrbaren Oxydklumpen zusammengerostet; so hat diese Uhr jetzt nur noch den einen Zweck, mit ihren eisernen Gewichten allerlei unangenehme Püffe auszuteilen und sich mit ihren Ketten in die Haare der Tischgäste zu verwickeln; aber — »Eine Uhr im Zimmer, das sieht doch immer nett aus! Nicht?« So behauptet der Major mit einem zärtlichen Blick auf diese Kostbarkeit seines Bataillonskasinos.
Geradezu vornehm ist die Beleuchtung. Es ist bekanntlich viel nobler, Kerzen zu brennen, als elektrisches Licht zu benützen. Diese im Felde selbst fabrizierten Talgkerzen haben jedoch bei ihrem aristokratischen Glanze zwei mißliche Eigenschaften; ist es kalt und zieht es durch Tür und Fenster herein, so brennen sie schief und tränen in die Suppenschüssel; und ist es so warm, daß man von »Bullenhitze« redet, so biegen sie sich in geschwungenen Barockformen über den Leuchter herunter und lassen ihre Fetttropfen auf das magere Kommißbrot fallen. Na ja, frische Alpenbutter wäre schmackhafter! —
— Vielleicht erheben nachdenkliche Leser jetzt den Vorwurf gegen mich, daß ich mit unangebrachter Heiterkeit von Dingen rede, die man eigentlich doch sehr ernst nehmen sollte. Dieser Vorwurf wäre ungerecht. Ich glaube, daß man, was ich da erlebt und gesehen habe, nur heiter nehmen kann! Wollte ich ernst von der unbeschreiblichen Mühsal erzählen, die unsere Offiziere und Soldaten seit Monaten mit namenloser Geduld und entzückendem Humor ertragen, so würdet ihr in der Heimat bei jedem meiner ernsten Worte ein wehes Zittern in euren Herzen haben! Aber seid ohne Sorge! Ich darf heiter erzählen. Die Unseren im Felde sind von so gesundem Schlag, daß sie monatelang die ruhelose Marter dieses nassen Dreckes und die Drohung steter Gefahr für Leib und Leben ertragen und dabei doch immer noch lachen können.
Gerade im Anschluß an dieses Wort bekenne ich, daß ich an diesem von Kerzentropfen und sonstigen Wirtschaftsrätseln bekleckerten Tische eine der schönsten, tiefsten und wertvollsten Stunden meines Lebens genießen durfte. Denn als wir gespeist hatten und der gute französische Landwein geheimnisvoll in den sehr verschiedenartigen Gläsern leuchtete, begannen sie zu erzählen, diese Feldgrauen; jeder von ihnen hat viel Hartes durchmachen müssen; und einer trägt zwei kleine rote Narbensternchen auf der Stirne — wo die Kugel hinein und wieder hinaus gegangen, ohne diesen festen deutschen Jünglingsschädel zerbrechen zu können. Von den ersten schweren Wochen des Krieges erzählten sie, von den furchtbaren Tagen und Nächten in Lothringen und Belgien, von Stunden, in denen manchmal auch die Nerven des tapfersten Mannes zu versagen drohten. Ganz ruhig erzählten sie, fast so ruhig, wie man von einem beschwichtigten Ungewitter redet; nur ihre Worte wurden langsamer, ihre Stimmen leiser, innerlicher; sie gebrauchten keine aufputzenden Adjektiva, sie sagten jedes Ding so hart und streng vor sich hin, wie es geschehen war, und keiner redete von sich selbst, jeder nur immer von der großen Sache. Und während ich atemlos lauschte, an Herz und Knochen vom Grauen des Krieges gerüttelt, war es mir immer, als müßte ich etwas Dankbares aus mir herausschreien und müßte mit beiden Händen hinübergreifen über den Tisch, um diese jungen deutschen Mannsfäuste zu fassen und zu drücken. Hätten es mir diese drei Wochen im Felde noch nie gezeigt und gesagt, so hätt' ich es jetzt an diesem kleinen Tisch verstanden, was für uns Bürger in der Heimat das kraftvolle und sieghafte Wort bedeuten muß: ein deutscher Soldat, ein deutscher Offizier! — Freilich, im Sinne eines Kunstgeschmackes, der die Abwechslung liebt, haben sie auch einen Mangel: in ihren besten und wesentlichsten Zügen sind sie alle gleich, da ist einer wie der andere! An vielen hundert kleinen Tischen dieser kleinen Lehmlöcher könnte ich ein Gleiches hören, wie ich es an diesem Tische vernahm.
Es wirkte auf mich, daß ich lange wortkarg bleiben mußte, als es schon wieder heiter wurde, weil Besuch erschien. In Begleitung eines Reichsrates, den wir in München kennen und verehren, kam der Regimentskommandeur zur Besichtigung der Nachtarbeit im Schützengraben — als Vorgesetzter ein Freund und Vater seiner Soldaten. Davon sollte ich gleich eine Probe erfahren, die mir unvergeßlich bleiben wird. Der Kommandeur wollte bei diesem Nachtweg eine Beförderung verkünden. »Nach dem Regimentsschimmel müßte man's eigentlich anders machen. Aber was einer verdient, muß er bekommen. Den Lohn verschieben, heißt ihn entwerten.«
Nun geht's hinaus in die dunkle Nacht, die geheimnisvoll durchklirrt ist von einem gedämpften Arbeitslärm. Manchmal ein Schuß in der Ferne, manchmal einer im nahen Schützengraben — Schüsse, die bei der Finsternis nicht treffen können, nur sagen wollen: »Wir wachen!« Zuweilen leuchtet droben über dem Wald eine rote Helle auf und verschwindet wieder. Und herunten zwischen den Bäumen schreiten oder stehen schwarze Gestalten mit klumpigen Lasten auf den Schultern. Schritt um Schritt geht es über klappernde Prügel hin oder durch quatschenden Lehmteig. Bei etwas schwierigen Stellen leuchtet für einen Moment der Strahl eines elektrischen Lämpchens auf.
Ein Kriegsfreiwilliger wird herbeigerufen. Kaum unterscheide ich in der Nacht den Umriß der schlanken, unbeweglich stehenden Gestalt.
Die Stimme des Kommandeurs: »Lieber R.! Sie haben nicht nur zwei famose, schneidige Erkundungen gemacht, ich weiß auch, daß Sie in allen Stücken ein tüchtiger, verläßlicher Soldat sind! Nicht wahr, Sie streben den Offizier an?«
»Jawohl, Herr Oberstleutnant!«
»Sind Sie schon Fähnrich?«