»Nein, Herr Oberstleutnant!«
»Dann sind Sie es jetzt. Ich gratuliere Ihnen!«
Da hör' ich einen leisen Laut — wie von einem Jungen, dem beim Baden im Bach das kalte Wasser heraufsteigt an die Lenden. Dieser leise Laut — das war tiefste deutsche Soldatenfreude.
Ich muß die Hand strecken. »Darf ich Ihnen auch gratulieren?« Keine Erwiderung. Aber den Händedruck hab' ich noch eine Stunde lang gespürt.
Der Weg durch Laufgang und Schützengraben ist mit Schwierigkeiten verknüpft. Immer wandern die langen, endlos scheinenden Reihen der lastschleppenden Soldaten an uns vorüber. Beim Ausweichen muß ich immer den verwünschten Bauch in die nasse Lehmwand hineinquetschen. Oft komm' ich von diesem klebrigen Teige kaum mehr los. Pfundweis hängt er an meinen Händen. Was will man machen, man wischt ihn an der Hose ab.
Überall im Schützengraben wird geschanzt, geschaufelt und gearbeitet, überall wird gebessert, was schlecht wurde, überall ausgetauscht, was unbrauchbar geworden.
In ihren Schlupfen liegen die Abgelösten; keine Stimme, kein Öffnen des Türchens, kein Zug der kalten Nachtluft und auch kein Schuß vermag sie zu wecken. Sie schlafen, wie nur die Zufriedenen und Glücklichen schlummern. Wie Aschensäcke sehen sie aus, in ihre Mäntel gewickelt, die Zeltbahnen über die Köpfe gezogen.
Die Schützen, die im Graben auf Wache sind, stehen regungslos bei ihren Scharten und spähen in die Nacht hinaus, die der Mond, hinter dicken Wolken verborgen, ein bißchen aufzuhellen beginnt. Oder gewöhnen sich nur die Augen an die Finsternis? Manchmal ein Schuß — weil ein Wachtposten was gesehen hat oder was zu sehen glaubte. Und zuweilen, in den benachbarten Stellungen drüben, das Dröhnen einer platzenden Granate. Eine kann ich aufgehen sehen. Das sieht aus wie ein Strauß aus Feuerblumen, der eine schwarze Manschette hat.
Durch den ganzen Schützengraben geht es. Die schußbereiten Maschinengewehre werden revidiert. In einen finsteren, engen Gang hinein und unter die Erde hinunter! Ganz vorne arbeitet einer wie ein Bergmann, ein zweiter karrt den ausgehobenen Lehm davon, ein dritter versteift den Minengang mit stützenden Bohlen.
Wieder im Graben. Ein schönes, rotglänzendes Sternchen surrt in die Luft hinauf und fängt in der Höhe grell zu brennen an. Das ganze Gelände zwischen unseren und den feindlichen Gräben ist taghell beleuchtet. Drüben liegen die toten Franzosen als schwarze, unbewegliche Klumpen — aber ganz in der Nähe liegt etwas Lebendiges, das sich bewegt: ein deutscher Horchposten. Und ein Gewirre von Drähten ist zu sehen — das sind die Stacheldrahthindernisse und die aus dem Graben hinausgerollten Spanischen Reiter. Ein letztes Lichtgezitter, alles versinkt wieder in undurchdringliche Finsternis, um nach wenigen Minuten wieder aufzuglänzen — — und wir daheim, wir sagen immer: »Was ist denn nur da draußen? Warum geschieht da nichts? Warum geht da nichts vorwärts?«