Es ist Mitternacht geworden. Nun dürfen auch die letzten der Geplagten ein bißchen ruhen. Ehe der Morgen kommt, müssen sie wieder bei den Scharten stehen. Und Nässe und Schlamm an Rock und Stiefel und Hose müssen trocken geworden sein von der Wärme ihres eigenen Körpers. Seit dem 5. August haben sie dieses Soldatenkleid am Leib und haben es nur abgelegt, wenn sie hinter der Front im Ablösungsquartier die Wäsche wechseln und baden und sich säubern konnten. Und diese Gesundheit, dieser Humor, diese treue Beharrlichkeit, diese unzerbrechbare Geduld! — Und, wahrhaftig, da gibt es Leute in der Heimat, denen der deutsche Sieg nicht schnell genug in die warmen Betten läuft! —

Im »Offizierskasino« noch ein kurzer Schwatz und ein Schlummertrunk. Im Felde nennt man ihn »heißes Wasser«. Natürlich ist etwas drin, etwas sehr Kräftiges!

Und jetzt — ins Bett. † † † Gott beschütze mich!

Eine freundliche Ordonnanz zieht mir die zehn Pfund schweren Lehmgebilde von den Beinen herunter. »Gut Nacht, Herr Doktor!« Dann bin ich allein auf einer »Flur«, die alles andere ist, nur nicht »weit«. Das Lehmherdchen glutet noch ein bißchen und raucht sehr heftig. Also die Tür auf! Aber es hat zu regnen begonnen, und ein ungemütlicher Wind peitscht die Traufenfäden herein. Also die Tür wieder zu! Und in den Kleidern auf die Pritsche! Bevor ich das Kerzenstümpfchen auslösche, seh' ich noch etwas sehr Schönes: die ganze Bretterdecke meines Unterschlupfes ist behängt mit großen, blitzenden Diamanten. Jetzt lieg' ich im Dunkeln. Da fängt es auch schon zu tropfen an. Pitsch, pitsch, pitsch, pitsch! Ich ziehe, wie ich es bei den Soldaten gesehen, die Zeltbahn über den Kopf. Nach einer Viertelstunde bricht mir am ganzen Leib der Schweiß aus. Ich entkleide mich und krieche wieder unter das raschelnde Segeltuch. Pitsch, pitsch, pitsch, pitsch! Nach einer halben Stunde friere ich, daß mir die Zähne klappern. Ich ziehe mich wieder an, und weil mir vom Rauch, der nach Erlöschen jeglicher Wärme reichlich zurückblieb, die Augen heftig brennen, mache ich wieder die Tür auf, drücke sie aber sofort sehr energisch zu. Ich liege wieder, und trotz der Dunkelheit bemerke ich an meinem nachlassenden Hustenreiz, daß der Rauch verschwindet. Aber das andere bleibt: Pitschpitschpitschpitschpitschpitsch ... jetzt klingt es viel schneller und ununterbrochen. Nicht nur von oben kommt der feuchte Segen, auch von unten her. Schon will ich in einem drohenden Tobsuchtsanfall fluchen wie ein Berserker. Aber da muß ich denken: »So machen es unsere Feldgrauen seit sechzig oder siebzig Nächten durch!« Wobei noch zu berücksichtigen ist, daß ich als Gast ein »Kavalierhüttl« bekam, also eine Sache, die so gut ist, wie sie sonst kein anderer hat! Ein Wunder geschieht — ich, das nervöseste von allen nervösen Äsern, ich werde plötzlich so geduldig wie ein Lamm, drehe mich still auf die Seite und fange, um den Schlaf herbeizuschmeicheln, die fallenden Tropfen zu zählen an: Pitsch, pitsch, pitsch, pitsch ...

Ich glaube, bis nah' an siebenhundert kam ich. Ja, wahrhaftiger Gott: gegen drei Uhr bin ich zufrieden eingeschlafen. Ein paarmal erwachte ich, hatte rückwärts das Gefühl einer immer feuchter werdenden Unterlage und im Hirn eine seltsame Idiosynkrasie: ich vermutete immer, daß vor meinem Kavaliershüttl irgend jemand Holz hacke. Es waren die Gewehrschüsse, die vom Schützengraben herunterklangen. Und einmal fuhr ich sehr heftig auf und hörte noch ein doppeltes Rollen — es war ein Granatenpärchen in den Wald geflogen. Ich drehte mich um und schlief wieder ein. Und habe geschlafen, bis im Ergrauen des Tages die Ordonnanz mich weckte und meine schöngeschmierten Stiefel brachte: »No, Herr Doktor, wie war's?«

»Ganz gut! Ein bisserl feucht halt!«

»Mein, da haben wir's jetzt noch wie im Himmel! Aber die vorig' Woch', da haben wir sechs Nächt lang im Wasser hocken müssen. Niederlegen hat man sich gar nimmer können. Auf'm Tornister hat man halt sitzen müssen. Da hat's die meisten von uns a bißl verdrossen. Alle haben wir g'schimpft, ja! Bloß an einziger is zufrieden g'wesen. Dös war a Tölzer Floßknecht. Der hat allweil g'sagt: >Dös bin i g'wohnt!< — Da haben wir uns a guts Beispiel g'nommen.«

Draußen rauschte der schwere Regen.

Heißer Tee. Fünf Tassen. Dann hinauf in den Schützengraben. Hier sind im Morgengrau schon alle bei der Arbeit. Fast durch die ganze Länge des Grabens liegen die Lehmwände niedergebrochen. Alles, was Boden heißt, ist verschlammt und überschwemmt. Und den schanzenden Soldaten rinnt das Wasser über Gesichter, Rock und Hosen herunter. Und immer noch schwatzen sie lustig und machen jene kleinen, netten Späße, in denen eine große, tiefe Seele steckt — die Seele des deutschen Volkes!

Ist der Krieg im Regen ertrunken? Kein Schuß mehr. Den ganzen Vormittag bleibt es still. Doch am Nachmittage, während ich durch die klatschenden Regengüsse und unter peitschenden Windstößen zurückwandere zu meinem Fürstenfeldbrucker Philosophen, beginnen die Haubitzen wieder zu donnern, und von überall klingt das Knallen, das die pfeifenden Vögelchen fliegen macht.