Immer war im Blick und im Lachen unseres Königs die Freude zu sehen, die ihm das straffe Bild seiner Truppen bereitete. Bei dem Festmahl, dem als Gast der Generalfeldmarschall von Bülow beiwohnte, war der König in einer Stimmung, die ihn zu verjüngen schien. Aus seiner heiteren, lebhaften Unterhaltung war herauszuhören, was dieser von Kraft klirrende Tag ihm gezeigt hatte. Im Anschluß an ein Gespräch über meine Schilderungen des Hauptquartiers sagte der König: »Wann dieser Krieg zu Ende sein wird, ob später oder früher, das weiß heute mit Sicherheit kein Mensch auf Erden. Aber wie er ausgehen wird, das wissen wir doch alle. Da kann man ruhig sein.«

Vorhin gebrauchte ich das Wort »Festmahl«. Das klingt ein bißchen wunderlich: ein Festmahl im Kriegslager. Man muß da nur wissen, wie es war. Eine Stimmung von festlicher Gehobenheit, gewiß! Aber dieses Mittagessen, an dem der König teilnahm, fand im zweiten Stockwerk eines hohen, schmalbrüstigen Hauses statt, dessen rechte Mauerseite ungestützt und ein bißchen schief in der Luft hängt. Das Nachbarhaus, das diese Mauer vor einigen Monaten noch tragen half, die Präfektur, ist niedergebrannt und in einen Schutthaufen verwandelt — nicht von den Deutschen in Trümmer geschossen, sondern vor ihrem Einmarsch abgebrannt, nachdem die Staatsgelder, wie hier erzählt wird, auf unerklärliche Weise verschwunden waren. In diesem schmalbrüstigen, von seiner staatlichen Stütze jetzt völlig verlassenen Hause wurde im Juli des vergangenen Jahres, kurz vor Ausbruch des Krieges, ein Galadiner zu Ehren des Präsidenten der französischen Republik abgehalten. Von der Herrlichkeit dieses peronnesischen Nationalfestes unter Monsieur Poincarés Vorsitz ist nur das künstlerisch verzierte Menü noch übrig geblieben: ein Dutzend der leckersten Gänge mit einer Himmelsleiter aller besten französischen Weine! Bei dem Mittagessen, das gestern für unseren König und seine Offiziere gerichtet war, ging es einfacher zu; man trank dabei Bayerisches Bier und ein paar Gläser Sekt. Und als von der freihängenden Wand gesprochen wurde, die bei jedem schweren Kanonendonner sehr merklich wackelt, sagte der König lachend: »Wo Deutsche sitzen, da hält schon alles!«

Ja! Wir Deutschen sitzen hier in erobertem Land! Und das hält. Sicher und fest.


Es war um die elfte Nachtstunde. Und plötzlich hörte ich ein Lied von vielen Soldaten, hörte den stahlfesten Hammerschlag marschierender Schritte, warf die Feder weg und sprang an das Fenster und riß die Scheiben auf.

Über der laternenlosen Straße hing eine schwarze, finstere Nacht, in der mein Blick nur mühsam die Umrisse der gegenüberliegenden Hausdächer unterschied. Und ein heulender Sturmwind peitschte mir den Regen ins Gesicht.

In solcher Nacht kamen sie heranmarschiert und sangen, kamen aus der Stadt und stampften hinaus zu den Schützengräben. Es müssen zwei Bataillone des Leibregiments gewesen sein. So finster war es, daß ich einzelne Gestalten nicht auszunehmen vermochte. Nur die großen, dichten Menschenklumpen unterschied ich. Das einzig Helle und deutlich Sichtbare waren die wehenden Glutfunken, die von den Zigarren oder aus den brennenden Pfeifen im Sturmwind davonflogen.

Immer sangen die Soldaten, immer das gleiche Lied:

»In der Heimat, in der Heimat,
Da gibt's ein Wiedersehn!«

Und dann kam etwas, was ich von singenden Soldaten noch nie gehört habe: als sie schon außerhalb der Stadt waren, außerhalb der alten, zerbrochenen Festungswerke, verwandelte sich das Ende ihres Liedes in ein mit wirren und hohen Stimmen durcheinanderklingendes Jauchzen und Jodeln, wie wir es kennen von unseren Hochlandsfesten bei strahlender Morgensonne.